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Niemand hat das Recht zu gehorchen

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Das ist das provokative Motto der Stadt Augsburg, unter dem sie ihr Hohes Friedensfest 2013 stellt. Aufmerksam wurde ich auf die Veranstaltung von Wolfgang Krauss. Der Titel rührt übrigens von der jüdischen Philosophin Hannah Arendt. Sie fasst darin ihre Erfahrungen bei der Beobachtung des Prozesses gegen den Nazi-Massenmörder Adolf Eichmann zusammen.

Erst küzlich diskutierte ich auf dem Heimweg über das Thema mit einem Kollegen im Auto. Die Fragestellung war, ob man sich moralsch dahinter verstecken kann, sich in der Nazi-Zeit nicht aktiv an Greul beteiligt zu haben. Anlass waren meine Schilderungen über die Auseinandersetzungen um die biographische Darstellung in Wikipedia zu Elisabeth Hering. Wie so oft wenn man über diese Generation spricht, hört man die Aussage, dass man die Generation nicht unter Generalverdacht stellen dürfe. Viele hätten nur ihre Pflicht getan und Befehle befolgt und wollten nicht selbst verfolgt werden.

Die Theorie, dass sich ein ganzes Volk in völliger Unwissenheit der tatsächlichen Verbrechen befand ist längst wiederlegt. Somit haben sich, in meinen Augen, alle schuldig gemacht, die dem System nicht in die Speichen gegriffen haben, oder es zuminidestens versucht haben. Bei Elisabeth Hering ging es konkret darum wie es zu bewerten sei, dass sie (laut Claus Bernet, “Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst”, 2. Auflage. 2008) in einer Organisation gearbeitet hat, die von einem verurteilten Kriegsverbrecher (Werner Lorenz) geleitet wurde. Auf der Diskusionsseite von Wikipedia findet sich die Position:


Im “Generalgouvernement”, wie es damals hieß, hat sie sicher Hilfe von der “Deutschen Volksmittelstelle” erhalten und für diese Schreibarbeiten erledigt. Deshalb zu behaupten, sie sei dem Chef dieser Organisation direkt unterstellt gewesen, geht ziemlich an der Realität vorbei. Niemand will aus ihr eine Widerstandskämpferin machen, aber an den Nazi-Verbrechen beteiligt war sie bestimmt nicht. […]


Das sehe ich persönlich anders. Leute, die nicht nur nicht gegen das System gekämpft haben, sondern auch noch davon profitiert haben, haben eindeutig eine Linie überschritten, die sie moralisch schuldig macht. Ein verbrecherisches System lässt sich nicht dadurch stoppen, dass alle den Schwanz einziehen und ihr persönliches Heil suchen. Die Schutzbehauptung, man hätte sich in einem Befehlsnotstand befunden und wäre bei Nichtbefolgung mit dem Tode bedroht worden, kann ich nicht akzeptieren! Denn die selben Leute hatten offenbar keine Angst, in den mörderischen Krieg geschickt zu werden und auf den Schlachtfeldern Europas "für die Sache" zu sterben. Nein, ich glaube es wäre würdevoller gewesen, in einem KZ zu sterben als in Stalingrad. Auf den Punkt gebracht hat das Henry David Thoreau (1817-1862):


In einem Staat, der seine Bürger willkürlich einsperrt, ist es eine Ehre für einen Mann, im Gefängnis zu sitzen.“ (Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat)


Mehr Informationen zum am Donnerstag, 8.8.13, in Augsburg stattfindenen weltweit einmaligen gesetzlichen Feiertag für den Frieden: http://issuu.com/friedensstadt.augsburg/docs/ahf13_programmheft_screen