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Warum ich glaube, dass "Doppelmitgliedschaften" nicht möglich sind. [update 14.8.2011]

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein. Erstveröffentlichung: 7.8.2011

Es ist allgemein bekannt, dass das GYM glaubt, Doppelmitgliedschaften seien kein Konflikt und deshalb möglich. Mit Doppelmitgliedschaft ist gemeint, dass ein Mitglied die Mitgliedschaft von zwei verschiedenen Glaubensgemeinschaften hat. Das wird aktuell auch im GYM praktiziert. Ich bin mir im Zweifel, ob den betroffenen Gemeinschaften der theologische Konflikt wirklich bewusst ist. Wahrscheinlich eher nicht, sonst würden sie dem ja nicht zustimmen. Den Grund sehe ich darin, dass die jeweiligen Glaubensgemeinschaften zu wenig übereinander wissen. Deshalb will ich hier mal eine Gegenüberstellung von Quakertum und Protestantismus machen. Ich erhebe dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit. Wer etwas ergänzen will, oder auch widersprechen möchte, dem gebe ich gerne einen Account auf TIF, mit er einen Artikel schreiben kann.

Friedenszeugnis/Verdammung

Mit der - mittlerweile schon berühmten - Rede “Nichts ist gut in Afghanistan” mag eine Margot Käßmann, eine breite Diskussion um die Friedenstheologie angestoßen haben. Das macht die Evangelische Kirche aber noch längst nicht zu einer Friedenskirche. Hier stehen sich das Quakertum und die Evangelische Kirche noch klar gegenüber. Wenn man hinter die Fassaden der Evangischen Kirche schaut, entpuppen sich eine Rede wie die von Margot als substanzlose Sonntagsrede. Die Confessio Augustana ist in der Evangelischen Kirche hat immer noch gültiges Bekenntnis! Siehe hierzu die Seite . Hier heißt es in ARTIKEL 16:

Wie kann ich also einerseits Mitglied in der Evangelischen Kirche sein wollen, und andererseits Mitglied in einer Gemeinschaft, die für ihre Überzeugung von der Evangelischen Kirche verdammt wird? Der Gedanke auf dem der ARTIKEL 16 fußt ist übrigens - unverkennbar - die so genannte "Zwei-Reiche-Lehre". Die hat sich Luther unter Anderem deshalb überlegt, um die blutige Niederschlagung der Bauernaufstände theologisch und moralisch zu legitimieren. Ich glaube die “Zwei-Reiche-Lehre” hat unter Quakern keinerlei Rückhalt.

Taufe (Sakrament)

Bei der Frage der Taufe liegen beide Gemeinschaften “himmelweit” auseinander.

Abendmahl (Sakrament)

Für die Evangelische Kirche ist das Abendmahl ein Sakrament und sehr wichtig. Für Quaker ist das zeremonielle-liturgische Abendmahl bedeutungsloser Tand. Die Teilnahme eines Quakers am Abendmahl führte in früheren Tagen zum sicheren Ausschluss von der Gemeinde, da Quaker das zeremonielle-liturgische Abendmahl für heidnischen Aberglauben hielten.

Ordination (Sakrament)

Ordination zu einem kirchlichen Amt ist in der Evangelischen Kirche ebenfalls ein Sakrament. Im Quakertum gibt es keine Ordination. Und schon gar nicht eine, die ein Sakrament wäre.

Ehe

Im Verständnis der Evangelischen Kirche, ist die Ehe in erster Linie eine “weltliche” Angelegenheit. Die Trauung ist ein Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung. Es gibt keine Eheschließung ohne das mindestens einer von beiden getauft wäre und beide standesamtlich getraut sind.

Im Quakertum ist die Taufe (mit Wasser) für die Eheschließung bedeutungslos. Die Ehe wird von zwei Leuten im Beisein (“bezeugt”) von möglichst mindestens 12 Gemeindemitgliedern vor Gott geschlossen. Die Meinung des Staats ist dabei unerheblich. Die Ehe wird dann als geschlossen im Gemeindebuch vermerkt. Sollte die Auffassung der Quakergemeinde der des Staates zu wieder laufen, oder gar Gesetze verletzen, wird das in Kauf genommen. Mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Siehe hier zum Beispiel den Konflikt der Quaker in Großbritannien bezüglich der Homo-Ehe. ("Medienecho auf “Homoeheschließungen” in Kirchen in GB")

“Kirche” vs. “Turmhaus”

Ich zitiere hier einfach mal G. Fox aus seinen Tagebüchern:

Der Grund warum die Evangelische Kirche ihre Versammlungshäuser “Kirche” nennt, ist entweder eine andere Eclesionogie oder ein Irrtum, an dem sie seid Jahrhunderten immer noch festhalten.

Rechtfertigung

Einer der wichtigsten Fragen überhaupt dürfte wohl sein, was einen Menschen vor Gott rechtfertige. Hier sind drei wichtige Konzepte der Evangelischen Kirche…

Vielleicht wenden jetzt einige ein, die Prädestinationslehre würde nur vom Calvinismus vertreten. Das stimmt aber nicht. In vielen Schriften von Luther ist klar zu erkennen, dass er ähnlich dachte. Dies steht natürlich im völligen Kontrast zum Quakerzeugnis der Gleichheit (Testimony of Equality). In den Tagebüchern von G. Fox ist beschrieben wie er diese Lehre verwirft und widerlegt. Das “sola fide” und das “sola gratia” der Evangelischen Kirche steht dem Konzept des “Inneren Licht” der Quaker entgegen. Im Quakertum ist das Heil durch die Hinwendung zum “Inneren Christus” oder “Inneren Licht”.

Die Gnade erschließt sich durch die aktive Hinwendung. Der Glaube erwächst durch unmittelbare Erfahrung des Wirken des Heiligen Geistes, an einem selbst. Der Glaube ist also nicht Voraussetzung für die Gnade, sonder die Erfahrung der Gnade, wird automatisch, quasi nebenher zum Glaube. Der Glaube an sich ist noch keine Rechtfertigung. Erst das Leben in der Nachfolge führt zu einem Leben im Reich Gottes. Ein Buchtitel von G. Fox lautete: "Niemand ist ein Nachfolger der Apostel und Propheten, als wer ihnen nachfolgt in der gleichen Kraft und dem gleichen Geist, darin sie waren.“ Somit werden die zentralen Glaubenssätze der Evangelischen Kirche vom Qakerum verworfen.

Und an einer anderen Stelle führt er aus:

Priestertum

Das Priestertum hatte ich oben schon angerissen. Im Quakertum gab es lange Zeit keine bezahlten Prediger. Der Klerus war im frühen Quakertum immer wieder Thema und wurde wehement abgelehnt von den Quakern. Und bis heute hat sich daran bei Liberalen und Konservativen Quakern nichts geändert. Lediglich die Evangelikalen Quaker handhaben das seid ca. 100 Jahren anders.

Kirchensteuer

Kirchensteuern wurden von Quakern massiv kritisiert. Über lange Zeit sind Quaker für die Verweigerung der Kirchensteuer reihenweise in den Knast gegangen und zwangsgepfändet worden. Einer solchen Erniedrigung würde ich mich nie beugen. Solange die Evangelische Kirche Kirchensteuern erhebt geht da mal garnix!

G. Fox schrieb dazu an seine Glaubensbrüder und -schwestern:

Es ist ja schon ein Witz, das sich die Evangelische Landeskirche mit Steuergeldern z.T. ihr Personal bezahlen lässt. Und das z.T. mit Steuergeldern von Atheisten. Den meisten dürfte wahrscheinlich gar nicht klar sein, wie tief die beiden großen “Staatskirchen” dem Steuerzahler in die Tasche greifen. Hier ein kurzer Ausschnitt eine Interviews zwischen Spiegel-Online und Oliver Lösch am 14.08.2011

Gottesdienst(-Form)/Liturgie

Der wohl offensichtlichste Unterschied zwischen Evangelischer Kirche und Quakertum ist wahrscheinlich die Form des Gottesdienstes. Den der Evangelischen Kirche brauche ich nur in Ansätzen beschreiben, da ihn wohl jeder kennt. Typische Elemente sind:

Dem gegenüber steht die klassische Quaker-Andacht, die keinen vorgegeben liturgischen Ablauf hat. Es ist - vom Prinzip - nicht klar wer, was und ob überhaupt gesprochen wird. Es gibt keine Gesänge oder vorgegebenen Gebete, und schon gar nicht ein im Chor gesprochenes Glaubensbekenntnis (da stellen sich bei mir immer die Nackenhaare auf!).

Jetzt könnte man argumentieren, dass sich das doch wunderbar ergänzen würde. Ich glaube nicht. Bei ihrer Form des Gottesdienstes haben sich die Quaker ja was bei gedacht. Ich lasse hier W. Penn aus “Ohne Kreuz keine Krone” zu Wort kommen:

Ich denke aus den Zitaten ist deutlich geworden, das dass Verständnis von Gottesdienst ein völlig anderes ist. Da der Gottesdienst für ein und die selbe Person - nämlich Gott - ist, fällt es mir schwer zu glauben, beide Gottesdienste würden der Sache gerecht werden. Hinter beiden Gottesdienstformen stehen doch völlig andere Vorstellungen vom Zweck des selben, und über den Charakter des Adressaten. Ich glaube das man genauso wenig von beiden Gottesdienstformen gleichzeitig überzeugt sein kann, wie man gleichzeitig, Vegetarier und Fleischesser sein kann.

Confessio Augustana, (Fortwährende-)Offenbarung, “Innerer Christus”

Die Confessio Augustana wurde schon in Bezug auf das Friedenszeugnis oben angesprochen. Ich hatte mich aber auch schon vor einiger Zeit in dem Artikel "In Vorbereitung auf den Ökomenischen Kirchentag 2010 in München". Darin hatte ich noch von einem anderem Punkt geschrieben. Nämlich der, dass die Quaker von den Protestanten nicht nur wegen ihrem Friedenszeugnis verdammt werden, sondern in Artikel 5 auch dafür verdammt werden, dass wir an ein “Inneres Licht” glauben, was sich unmittelbar und nicht nur über das “Wort des Evangeliums” offenbart.

ich könnte noch auf den "Kleinen und Großen Katechismus" eingehen, aber an würde meine Liste mit den Unterschieden und Widersprüchen/Konflikten noch länger werden.

Art der Beschlussfindung

Ein ganz wichtiger Punkt scheint mir aber noch zu seien, dass es eine fundamental andere Art der Beschlussfassung im Quakertum gibt. Im Verständnis des Quakertums wird die Gemeinde unmittelbar durch den Heiligen Geist geführt. Die so genannten “Geschäftsversammlungen” sind Versammlungen aller Mitglieder der Gemeinde. Einschließlich der Frauen, und zwar von Anfang an! Auch wenn es Anfangs unter einigen Mitgliedern Widerstände gab, war der Punkt unter Quakern nie wirklich strittig. G. Fox fand in seinen Ermahnungen dafür deutliche Worte:

Mehrheitsbeschlüsse oder gar hierarchische Entscheidungen sind der Wesensart und dem theologischen Verständnis des Quakertum fremd. Das was die Protestanten in ihrem Vaterunser beten, versuchen Quaker praktisch umzusetzen: “…dein Wille geschehe…” wird hier wörtlich verstanden. In den Geschäftsversammlungen wird versucht nach dem Willen Gottes zu forschen. Deshalb wird - selbstverständlich - nicht über den Willen Gottes abgestimmt und die Mehrheit zu dem Willen Gottes erklärt. Für einen Beschluss braucht es in einer Quakergemeinschaft die Einigkeit, dass man sich gemeinsam einig ist, zu glauben, den Willen Gottes erkannt zu haben. Wenn es in dem Punkt keine Einigkeit gibt, gibt es keinen Beschluss.

Wie kann jetzt jemand mit einer Doppelmitgliedschaft die (Mehrheits-)Beschlüsse der Protestanten mittragen aber das Vaterunser beten “…dein Wille geschehe…"?

Sündenlehre

Die Auffassung bezüglich der Sünde ist zwischen Quakern und Protestanten diametral entgegengesetzt, würde ich sagen. Hier wieder Eine Aussage von G. Fox :

Und hier die Aussage der Protestanten zur Sünde in Artikel 2 der Confessio Augustana:

Was übrigens auch noch ein Widerspruch zu Artikel 2 der Confessio Augustana ist, in dem es heißt: ”[…] dass er [Christus] ein Opfer nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle anderen Sünden war und Gottes Zorn versöhnte, […]“. Ja was denn nun? Ist die Erbsünde nun gesühnt und ist Christus für ALLE gestorben, oder doch nur für die die brav mit ihrer Kirchensteuer die Pfarrer allimentieren?

Suffering

Zum Thema “Suffering” wäre auch noch einiges zu sagen. Das sprengt hier aber vollends den Rahmen. An dieser Stelle verweise ich hier deshalb nur auf den Artikel in Wikipedia "Meeting for Sufferings".

Abschließende Bemerkung

Ganz losgelöst von den hier angeführten Dingen, ist mir eigentlich nicht bekannt, dass irgendeine christliche Glaubensgemeinschaft Doppelmitgliedschaften vorsieht. Ich kenne auch nicht einen Fall aus der Praxis, außerhalb des GYM. Neben den theologischen Gründen, ist das - so denke ich - auch eine Frage der Loyalität. Wenn ich mit einem Verein Fußball spielen will, muss ich mich auch irgendwann mal für einen Verein entscheiden. Ich kann nicht auf "zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen".

[update 14.8.2011]

Es wurde noch ein Zitat aus dem Interviews zwischen Spiegel-Online und Oliver Lösch am 14.08.2011 im Abschnitt “Kirchensteuer” eingefügt.

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