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Feuer und Wasser [update 21.04.08]

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Vorwort

Dieser Artikel ist für den “Quäker”, dem Mitteilungsblatt der Deutschen Jahresversammlung der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) geschrieben.

Es gibt immer wieder Beschwerden über die Qualität meiner Rechtschreibung und die Mehrarbeit, die - unter anderem für die Redaktion des “Quäkers” - damit verbunden sei. [1] Seit einiger Zeit schon steht auf der Rückseite des “Quäkers”: "Die Redaktion gibt keiner der zur Zeit üblichen Rechtschreibungsvarianten den Vorzug und behält daher die von dem jeweiligen Autor benutzte bei.“ Nun, ich hätte keine Probleme, wenn es sich die Redaktion leicht machen würde und meine Texte unkorrigiert veröffentlichte. Wenn einige Autoren aus Starrsinn an der alten Rechtschreibung festhalten, dann ist es doch erst recht legitim, trotz unvollkommender Rechtschreibung, die nur dem Unvermögen verschuldet ist, seine Texte mit dieser veröffentlichen zu können? Ist das der Redaktion peinlich? Warum? Wäre es der Redaktion peinlich, einen Rollstuhlfahrer mit seinem Rollstuhl auf dem Foto zu zeigen? Ach übrigens, ich habe gelesen, dass einige Texte im Neuen Testament auch einige sprachliche Unzulänglichkeiten aufwiesen. Zum Glück sind sie nicht 1800 Jahre später in Deutschland geschrieben worden. Hätte Duden schon gelebt, sähe unsere Bibel heute vermutlich anders aus.

Feuer und Wasser

Im letzten “Quäker” [2] fielen mir die Gegensätze der unterschiedlichen Positionen der Mitglieder - wenn die Gesellschaft nicht so klein wäre, könnte man auch von Flügeln sprechen - sehr deutlich auf. Auf der einen Seite zum Beispiel der Artikel von M. de Coulon, in dem er das Fazit für sich zieht: ”[…],da wir mittlerweile eine, meiner Einschätzung nach, ‘überchristliche’ Religionsgemeinschaft geworden sind, […]", [3] was sehr schön durch das Gedicht "Bekenntnis" von H. Konopatzky ergänzt wird: **"[…] Sollt ich selber mich bekennen, müsst ich mich ungläubig nennen[…]” ** [4] …und auf der anderen Seite z.B. der Artikel von V. Eulering, der G. Fox mit den Worten **"Wenn ich einen Trunkenbold oder Geisterbeschwörer oder einen tückischen, hitzigen Menschen sehe, kann ich nicht sagen, ich sähe den Geist Gottes in ihm” **[5] zitiert und weiter oben im selben Artikel daran erinnert, dass die Geschäftsversammlung auch vor dem Abfall vom Quäkerglauben und dem Renterismus bewahren sollte.

Spontan möchte man meinen, der esoterische Flügel müsse sich durch den Konservativ Christo-Zentrischen Flügel bedroht fühlen. Das mag subjektiv vielleicht auch tatsächlich so sein. Aber umgekehrt scheint es auch Irritationen bis Überfremdungsgefühle bei den konservativen Flügel zu geben.

Erst kürzlich hatten wir ein Gast aus GB, mit dem ich nach der Andacht mit anderen zusammen noch gemeinsam essen war (eine wirklich muntere Runde). Der Gast erzählte, dass er sich in der Andacht innerlich gedrängt fühlte, über Christus sprechen zu wollen, aber es in seinen Redebeitrag es nicht schaffte, diesen Namen über die Lippen zu bekommen.

Das könnte man jetzt als persönliches Problem abtun. Ist es meiner Ansicht aber nicht. In Berlin ist der Universalistische Flügel - meine ich - sehr dominant. H. Konopatzky´s Gedicht könnte man als ein Indiz betrachten. Ein anderer Hinweis ist die Begründung der Mitglieder bezüglich meines Rauswurfs aus der Geschäftsversammlung. Darin heißt es:

“[…] Für Olaf scheint der Konflikt ausschließlich Resultat fehlenden Engagements und fehlender Religiosität in der Berliner Gruppe. Auffallend war für uns auch der dogmatische Eifer, mit dem Olaf seine Interventionen vertritt, ausgedrückt u.a. durch die leichtfertige Verwendung von Bibelzitaten, mit denen er sich in anklagendem Stil an uns wendet. Sein missionarischer Drang bestätigt unseren Eindruck, dass zwischen Olafs Überzeugungen und dem in Deutschland gelebten Quäkertum wesentliche Differenzen bestehen. […]“ [6],[7],[15]

Losgelöst von der Frage, ob der Ausschluss moralisch und formal richtig war, ist hier der Konflikt der Flügel sehr deutlich zu sehen. Ich möchte dem nicht direkt entgegnen, sondern dem ein anderes Zitat gegenüberstellen. Dem von G. Priestland:

”…Ich komme zu meiner im Grunde skeptischen Frage zurück: Will die Gesellschaft als Ganzes die Hand ausstrecken und besser bekannt werden? Ich glaube, sie mag es, ruhig und unbeobachtet zu sein; sie möchte kein Risiko, das richtiger Outreach bedeuten würde, eingehen. Mit Sicherheit würde es mehr Arbeit für die ohnehin überbeanspruchten aktiven Freunde bringen. Angenommen, wir hätten den Willen zum Outreach! Mir fällt keine religiöse Gruppierung ein, die sich erfolgreich vergrößerte, und die nicht wenigstens zwei von drei Bedingungen erfüllte. Das Erste, was lebensnotwendig scheint, ist eine klar umrissene Doktrin, damit gesagt werden kann: Das glauben wir, das lehren wir. Zweitens und drittens braucht man eines dieser beiden folgenden: Wenigstens einen dominanten Prediger wie Fox, wie Wesley, wie Smith von den Mormonen und/oder eine pflichtbewusste, hingebungsvolle, geschulte Gruppe von Glaubensboten, Missionaren. Einst erfüllten wir alle drei Bedingungen. Heute haben wir sie nicht, wir mögen und wollen sie nicht. Das Auftauchen eines Quäker-Billy Graham, und Billy ist in meinen Augen o. k. - würde einen Herzinfarkt beim Yearly Meeting hervorrufen. Es wäre eine Katastrophe. wenn einer aufstehen würde, um uns zu überzeugen von dem, was wir sind und wohin wir gehen. Denn dann müssten wir die unendliche Spekulation, die wir alle lieben und so gut kennen, aufgeben. Und ich bin nicht sicher, ob ich das alles ernsthaft oder sarkastisch aussprach.“[8]

Aber auch anderen in neuerer Zeit und auf anderen Kontinenten scheint die Kluft zwischen den verschiedenen Flügeln aufzufallen. So war im “Quäker” kürzlich zu lesen: “Hauptredner heute ist Steven Wamboko aus Uganda. Er will uns wachrütteln; die Welt braucht unsere Botschaft und wir tun nichts! Er spricht viel von George Fox und zweifelt ob Fox heute einverstanden wäre mit einigem von dem, was wir Quäker heute tun.” [9]

Und ein paar Seiten weiter wird gefragt…"Können unsere Worte und Taten zu den Menschen sprechen, die wir dazu einladen, die Macht des lebendigen Gottes zu erfahren? Für manche von uns ist diese Erfahrung nicht von Leben Christi in uns zu trennen. Für uns alle ist er, wie Georges Fox es verkündete, der ‘direkte Draht’ zum lebendigen Gott. Wie sehr brennen wir noch danach, diese Vision unseres Gründervaters zu propagieren?“[10]

Dass Quäker mit ihren radikal vertretenden Meinungen beim Gegenüber Irritationen und Ängste auslösten, ist auch nichts wirklich Neues. Ein Beleg dafür ist zu finden in einen Text von C. Bernet zum ‘historischen Friedenszeugnis’:

“[…]Damit [,mit dem “Declaration and an Information from Us, The People Called Quakers” von 1660, eine Ur-Version des späteren Friedenszeugnisses von 1661] sollte die neue Regierung kurz über die Ansichten der Quäker informiert werden. Der “Kampf” der Quäker gegen das Übel in der Welt müsse geistig verstanden werden, die markigen Worte seien eben bloß Worte.” [11]

Dass sich die Irritationen, Missverständnisse und Entzweiungen auch unter den Quäker selbst immer wieder in der Quäkergeschichte finden lässt, hat C. Bernet in zahlreichen Quäker-Biographien schon gezeigt [13]. Auch in der neueren Geschichte der Deutschen Jahresversamlung. So schreibt etwa C. Bernet über G. Ockel: "So gab es nach der Artikelserie ‘Rilkes Stundenbuch - ein prophetisches Dokument unserer Zeit’, veröffentlicht 1967 in der Zeitschrift ‘Quäker’, Proteste wegen der psychologischen Argumentationsführung, die christozentrisch orientierten Quäkern nicht behagte.“ [12]

Jetzt stelle ich die rhetorische Frage: Brauchen wir etwa für eine lächerlich kleine Glaubensgemeinschaft von gerade 250 Leuten in Deutschland etwa eine “Inner-Quäkerische-Ökumene”?

Ich denke, der erste Schritt ist das gegenseitige Verständnis. Ohne eine Wertung oder Parteinahme vorwegzunehmen, sollten beide Flügel offen werden für das Artikulieren ihrer Wahrnehmung. Den Mut, offen seine Position zu bekennen und den anderen zu ermutigen, seine zu benennen. Dass der andere eine andere Auffassung hat und eine andere spirituelle Sprache spricht, dürfen wir nicht als Angriff auf unsere Position oder spirituelle Ausdrucksweise missverstehen. Es wird uns helfen, nicht so dünnhäutig zu reagieren, wenn wir uns selbst sagen: Es muss nicht meine Schuld sein, oder ich der Grund dafür sein, dass mein Gegenüber die Gefühle hat, die er hat. Die “Schuld-Frage” sollte erst mal völlig außen vor bleiben. Schon gar nicht sollten Schuldeingeständnisse des Gegenübers als Bedingung für eine Annäherung eingefordert werden.

Ich versuche mal, die Ängste der beiden Flügel, wie ich sie wahrnehme, zu extrahieren: Ich sehe, dass der Konservativ-Christozentische-Flügel Angst hat vor Überfremdung und Beliebigkeit. Und der Universalistisch-Mystisch-Esoterische-Flügel sieht in einem allzuklaren Bekenntnis die Gefahr und Ursache des “Dschihad-ismus”, der Ausgrenzung und des unbeweglichen Dogmatismus.

Mich erinnert der Konflikt an die ersten buddhistischen Mönche in der noch jungen Glaubensgemeinschaft des Buddhas (mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe). Noch zu Lebzeiten des Buddhas bildeten sich zwei Parteien in den Klöstern, die zu einer ernsten Zerreißprobe wurde. Auf der einen Seite waren die Scholastiker, die immer feinsinnigere Gedanken sponnen aus der Lehre Buddhas, und auf der anderen Seite die Praktiker, die nur noch meditierten und nicht mehr zu den Lehrveranstaltungen kamen und auch keine Novizen mehr unterwiesen. Buddha sagte sinngemäß: Beides ist nicht falsch, aber keines ist für sich alleine richtig. Mein Weg ist der Mittlere Weg. Die Extreme sind zu meiden. Weder soll ein Mönch sich zu Tode fasten, noch der Völlerei sich hingeben. Mäßigung ist der Rechte Weg.

Eine langjährige Quäkerin sagte mir vor ca. zwei Jahren auf einem Schweige-Seminar, sie denkt, es fehle den Quäkern die gemeinsame Sprache. Ein stückweit, denke ich, hat sie Recht. Aber wir können schwerlich einfach eine Sprache auf den Reißbrett entwerfen und diese dann von allen lernen lassen. Sprachen bilden sich ganz automatisch in sozialen Geflechten. Jede soziale Gruppe bildet nach einer gewissen Zeit eine gewisse sprachliche Eigenart herraus. Das sehen wir in der “Jugend-Sprache” und in “Sport-Gruppen” z.B.[14]. Jetzt sind wir genau an dem Punkt, wo es meiner Meinung nach hapert bei den Quäkern. Es sind zu wenige, die sich zu wenig treffen und zu wenig miteinander machen, um Gruppe genug sein zu können und eine eigene Sprache zu finden (oder sich entwickeln zu lassen). Wieviel Versammlungshäuser haben wir? Zwei - in ganz Deutschland! Wieviele Versammlungen treffen sich mindestens einmal in der Woche? Soweit ich weiß - nur die Berliner. Und wieviele Mitglieder kommen regelmäßig in die Andacht? In Berlin kannst du sie an einer Hand abzählen.

Überregionale und virtuelle Kontakte sind für mich kein Gemeinde- oder Versammlungs- Ersatz. Um zu einer gemeinsamen, lebendigen Sprache zu kommen, müssen wir auch gemeinsam das Leben ein stückweit gemeinsam miteinander teilen. Und wie in jeder Familie dürfen dann auch abundzu mal (verbal) die Fetzen fliegen. Die ersten Ur-Gemeinden waren sich auch nicht immer grün untereinander, obwohl noch alle elf Apostel lebten. Wahrscheinlich müssen wir die Ansprüche an uns selbst ein ganzes Stück runterschrauben, um wieder mit den Fußen auf die Erde zu kommen.

Quellen

[update 21.04.08]

Fußnote [15] eingefügt.

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert. Und unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation in der Version 1.2 vom November 2002 (abgekürzt GNU-FDL oder GFDL). Zitate und verlinkte Texte unterliegen den Urheberrecht der jeweiligen Autoren.