POSTS

Merkwürdige Texte auf der Seite des German Yearly Meeting (GYM) [update 20.11.2008]

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein.

**Erstveröffentlichung: 16.08.2008 **

Kürzlich wurde ich auf Texte auf der Internetseite des German Yearly Meeting (GYM) hingewiesen. Und Tatsächlich sind einige Theologische Kuriositäten zu finden. So Heißt es zu Beispiel unter der Überschrift “Quäker und das Leben nach dem Tode”[1]:

"Die Freunde betrachten ein Leben nach dem Tode nicht als Vergeltung für Tugend oder als Kompensation für die Leiden des Erdenlebens. Auch wurden weder Angst vor noch Drohung mit Verdammnis eingesetzt, um Freunde zu einem besseren Leben anzuhalten"

Dem stelle ich jetzt mal einem Text von William Penn[2] gegenüber. Hier die Einleitung von seinem berümten Buch “no cross, no crown” (Ohne Kreutz keine Krone” in einer Übersetzung von 1825 [3]:

"Die große Angelegenheit des Lebens eines Jeden Menschen ist die, dass er dem Zwecke seines Daseins entspreche; und dieser ist: Gott zu verherrlichen und sein eigene Seele zu retten; - eine Verordnung des Himmels, die so alt als die Welt ist. Gewöhnlich bekümmert sich aber der Mensch am wenigsten um Das, was seine Hauptaufgabe und wichtigste Beschäftigung sein sollte. Er ist abgeneigt, sich selbst kennen zu lernen, Untersuchungen über sein Dasein, über den Ursprung, die Pflichten und das Ende seines Lebens anzustellen. Lieber wendet er seine Tage, - welche eben so viele Schritte zu seiner ewigen Wohlfahrt sein sollten, - nur dazu an, dass er seinen Stolz, seinen Geiz und die Lüsternheit seines Herzens zu befriedigen sucht. **Als wenn er bloß um seiner selbst willen da sei, oder als ob er sich selbst das Dasein gegeben habe, und daher keiner höheren Macht Rechenschaft schuldig, und ihrem Urteilsspruch nicht unterworfen sei."**

Ich gebe zu, der Text von W. Penn würde ich auch nicht gerade meinen Kindern vor dem Schlafen gehen vorlesen; aber mal ehrlich: Welchen Sinn soll dieses Leben haben, wenn es keine Konsequenzen für das - wie auch immer geartete - Danach hat? Dann ist sich das Leben selbst genug und das Höchste was zu erwarten ist, das Jetzt und Hier. Ja, der Auffassung kann man sein. Das nennt sich dann aber “Hedonismus”[4] und nicht “Quäkertum”.

Was mir noch auffiel ist das die Texte in 3. Person geschrieben sind. Was möchte der Autor damit Ausdrücken? Das er selber sich mit dem Geschrieben nicht identifizieren kann - also selber sich nicht für einen Quäker hält? Aber warum ist dann der Text auf der Seite der GYM? Oder ist es so, das die GYM nichts zu sich selbst zu sagen hat und lieber Andere sprechen lässt? Oder ist es nur eitles Gehabe?

Auf einer anderen Seite der GYM lesen wir "Die Quäker sind eine ‘Religion ohne Dogma’. Sie kennen keine Bekenntnisschriften und keinen Katechismus.“[5] Ein Dogma ist “unumstößlichen Wahrheitsgehalt”[6] Da die Quäker seit über 350 Jahren an ihren vier Zeugnissen[7] fest halten (die sich im Detail und Verständnis gewandelt haben mögen) würde ich mal sagen, sie glauben da wohl ein unumstößlichen Wahrheit gefunden zu haben. Und Katechismen hat es gegeben. Wie das “Catechism and Confession of Faith” von dem - unter Quäkern - nicht gerade unbekannten R. Barclay [8]. Und zum Thema “Bekenntnis” zitiere ich Benjamin Holme aus “Ernster Ruf”:

”[…] dass Christus vom heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren worden; dass er viele merkwürdige Wunder getan habe, und, als Mensch, am Kreuz gestorben sei, - denn als Gott konnte er nicht sterben - ; dass er begraben worden, wieder auferstanden, in den Himmel aufgefahren, und nun durch seinen Geist in die Herzen der Menschen wiedergekommen sei; ich sage, obgleich jemand alle diese großen Wahrheiten, und alle Glaubensartikel des christlichen Bekenntnisses glauben mag, so wird ihn doch dies alles kein Recht zu einigem Anteil am Reich Gottes geben, sofern er nicht ein heiliges Leben führt;[…]“[9],[10]

[update 20.11.2008]

Anlässlich der Neugestaltung der Website des GYM, dachte ich es ist an der Zeit die Aktualität dieses Artikels zu prüfen. Der Text auf den sich der obige Artikel bezieht, steht so, mittlerweile nicht mehr im Netz. Er wurde jetzt verhackstückelt und ist unter dem Menüpunkt "Glaube und Wirken “ zu finden. Allerdings nicht mehr in einem Stück.

Gehen wir der Reihenach. Der erste Fehler der mir auffiel ist in Unterabschnitt "Zeugnis ablegen “ zu finden. Dort heißt es: "Quäker-Zeugnisse sind positive Aussagen, die aber unter Umständen zu Handlungen führen können, welche gegen gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweisen verstossen. Zum Beispiel war es vor 300 Jahren der Protest gegen die Skaverei, später die Verweigerung des Kriegsdienstes. heute der konsequente Protest gegen Kriege.“. Das ist leider Falsch. Das so genannte "Friedenszeugnis" ist das ältere. Es ist noch entstanden, zu einer Zeit, wo sich die Quäker noch nicht in Monats-, Vierteljahres- und Jahres-Versammlungen konstituiert haben[11]. Am 21.1.1661 wurde das Friedenszeugnis dem damaligen englischen König Charles II. überreicht. Erst 1758 also 97 Jahre später, beschließt als erste Jahresversammlung die Versammlung von Philadelphia die Aufhebung der Sklaverei in ihren eigenen Reihen und bestraft Verstöße dagegen mit dem Ausschluss aus der Religiösen Gesellschaft der Freunde[12]. Wann die letzte Versammlung die Sklaverei in ihren Reihen aufhob, ist mir nicht bekannt. Definitiv war es aber nicht vor 300 Jahren, also 1708.

Im Abschnitt "Glaubenssätze und Theologie" wurden einige Änderungen zu der oben beschrieben Version vorgenommen. Die haltlos Behauptung, Quäker hätten nie einen Katechismus formuliert, ist herausgenommen worden. Aber dafür finden sich nun andere Kuriositäten. Zu Beispiel diese Formulierung: "Sie [die Quäker] sind über den Wert der Theologie verunsichert, da diese leicht zu Spekulationen und Streit Anlass bietet.“. Das liest sich so, als sei der Umkerschluß zulässig, das jemand der nicht über den Wert der Theologie verunsichert ist kein Quäker sein kann. Die Weigerung sich mit Theologischen Problemen zu beschäftigen und die daraus folgende Unsicherheit Glaubens-Aussagen zu machen, scheint hier zum Prinzip gemacht worden zu sein. Und ich bestreite nach wie vor, die Behauptung, die auch wieder in dem Text auf taucht: "Das Fehlen von Glaubenssätzen" würde das Quäkertum als solches auszeichnen.

Im Abschnitt "Quäker und das Leben nach dem Tode" wurde jetzt der folgende von mir kritisierte Satz entfernt. "Die Freunde betrachten ein Leben nach dem Tode nicht als Vergeltung für Tugend oder als Kompensation für die Leiden des Erdenlebens. Auch wurden weder Angst vor noch Drohung mit Verdammnis eingesetzt, um Freunde zu einem besseren Leben anzuhalten". Er ist aber noch nach wie vor auf der Seite der Schweizer Jahresversammlung zu finden [13]. Übrigens unter der nicht weniger kuriosen Überschrift "ALLGEMEINES KONZEPT". Aber zurück zur GYM. Dort findet sich jetzt der Satz "Aber alle Freunde glauben, dass es wichtiger ist, unser Leben zu leben und danach zu trachten, die Bedingungen dieser Welt zu verbessern, als sich auf Spekulationen über ein Leben nach dem Tode einzulassen.“ Das halte ich für durch aus richtig. Allein es fehlt mir die Theologische Grundlage. Nicht das es sie nicht gäbe, aber offenbar konnte der Autor sie nicht formulieren, oder er kannte sie nicht. Da passt dann sehr schön der Satz aus dem Vorigen Abschnitt: "Sie [die Quäker] sind über den Wert der Theologie verunsichert, da diese leicht zu Spekulationen und Streit Anlass bietet.“.

Fußnoten

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert. Und unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation in der Version 1.2 vom November 2002 (abgekürzt GNU-FDL oder GFDL). Zitate und verlinkte Texte unterliegen den Urheberrecht der jeweiligen Autoren.