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Wir brauchen ein Gütesiegel "Fair Job" für Arbeitgeber! [update 27.5.2009]

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Erstveröffentlichung: 21.5.2009 22:15Uhr

Als ich bei Lidl das erste mal “Fair Trade”-Produkte gesehen habe, dachte ich das ist echt schräg! Ist ja schön das die Kaffee-Bauern einen Preis für ihrer Produkte bekommen, von dem sie leben können, aber was ist mit der Kassiererin hinter der Kasse? Gehört die nicht dazu? “Fair Trade” zum Geiz-ist-geil-Preis oder was?

In den letzten Monaten hatte ich das zweifelhafte Vergnügen für verschiedene Einrichtungen aus dem Sozialen Bereich zu arbeiten. Hier gab es gute und weniger gute Arbeitgeber. Das Problem als Arbeitnehmer ist, man weiß immer erst wenn es zu späht ist, das ein Arbeitgeber in die Kategorie “weniger gut” ein zu stufen ist. Bei der Bewerbung kauft man immer die Katze im Sack. Wenn man überlegt zu wechseln, weiß man immer erst hinterher ob man sich verbessert oder verschlechtert hat. Als ich meine Gewerkschaft gefragt habe, ab sie mir einen Arbeitgeber empfehlen können, sagten sie, die Frage hören sie öfter.

Heute beim Joggen kam mir eine geniale Idee. Die Gewerkschaft verliert ja bekanntlich immer mehr an Bedeutung. Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Arbeitnehmer immer weniger in Gewerkschaften organisiert. Zum anderen lassen sich Arbeitnehmer durch die Massenarbeitslosigkeit immer leichter gegeneinander ausspielen. Ein Druckmittel was von einer ganz anderen Seite ansetzt, währe ein Gütesiegel für Arbeitgeber! Ein Fair-Job-Siegel!

Endlich hätte ich als Verbraucher direkten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen! Egal ob ich in den Laden arbeite. Oder wo anders. Oder arbeitslos bin. Oder von den Zinsen meines Geldes lebe. Das währe so Geil! Was, die Schokolade hat kein Fair-Job-Siegel? Die kann die Firma selber fressen! Was, das Taxi-Unternehmen hat kein Fair-Job-Siegel? Dann nehme ich doch lieber das Fahrrad!

Okay. Jetzt müsste man sich noch Kriterien überlegen für das Gütesigel. Ich würde vorschlagen das Dreistufig zu gestalten: Bronze, Selber und Gold. Gold ist das beste und gar kein Siegel das schlechteste. Bei Silber müssen alle Kriterien von Bronze erfüllt sein und darüber hinaus noch andere. Das selbe mit Gold, das alle Kriterien von Silber und Bronze erfüllen muss und weiter darüber hinaus. Geprüft und vergeben wird das Siegel von der Gewerkschaft oder Arbeitnehmer nahe Einrichtungen.

Hier mal der erste Vorschlag für Kriterien. Bei diesen Artikel nehme ich auch Kommentare an, wenn sie inhaltlich Bezug nehmen zu den Kriterien (Änderungsvorschläge) oder der Vergabe-Regel. Vorschläge die mir gefallen, nehme ich auf in meinem Text.

Bronze

Silber

Gold

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[update 25.5.2009]

Ich habe mittlerweile eine Antwort von der Gewerkschaft bekommen:

Da fühle ich mich etwas missverstanden. Ich will keine Preise verleihen, sondern ein “TÜV für Arbeitgeber”. Ich will das das die Arbeitgeber begreifen das das der Markt ausgereizt ist und das diese Gütesiegel der Gewerkschaft ein Herausstellungsmerkmal für ihr Produkt oder Dienstleistung ist. Aldi, Lidl und Netto haben nicht mehr fiel Spielraum. Noch billiger geht nicht. Wie sie vielleicht mitbekommen haben, macht Aldi gerade eine Image-Kampagne, in der sie behaupten das eine überwältigende Mehrheit ihrer Mitarbeiter glücklich sind bei Aldi zu arbeiten. Die Gewerkschaft muss es nun schaffen Aldi und Co klar zu machen, das es viel glaubwürdiger währe, sich von einer neutralen Einrichtung zertifizieren zu lassen um einer der heiss begehrten “Fair-Job-Siegel” zu bekommen. Diese Siegel brächte dem Billig-Discounter der es als erstes erlangt kostenlose PR vom feinsten. Und glückliche Kunden, die nicht mehr vor Scham mit Sonnenbrille und hochgeschlagenen Kragen bei ihnen einkaufen. Es muss klar gemacht werden, das es hier um eine Win-win-Strategie (http://de.wikipedia.org/wiki/Win-win) geht, wo alle Beteiligten gewinnen sollen!

[update 27.5.2009]

Die Diskusion ging dann noch ein bisschen weiter…

Ich habe sie durchaus nicht missverstanden. Es ist nur herzlich egal, ob sie einen Preis oder ein Siegel vergeben wollen: So lange die Beschäftigten Arbeitsbedingungen wie bei Aldi, Lidl, Schlecker und Co. eingehen, wird sich überhaupt nichts ändern. Und einen TÜV, wie Sie es vorschlagen, kann nur die Regierung zur Pflicht machen, denn ohne Pflicht wäre es tatsächlich nur billige PR für Unternehmen, die ihren Laden fürs Image frisieren. Anschließend fällt die Pracht dann wieder zusammen - wie nach einem Friseurbesuch. Und was die Rolle der Gewerkschaften betrifft: Die können nur dann Druck ausüben, wenn sich die Beschäftigten auch organisieren. Man kann von den Gewerkschaften nicht Wunder erwarten, wenn sich die Hauptakteure aus dem Geschehen heraushalten.

Herzlichen Gruß, Petra Welzel

Ich erwarte keine Wunder von der Gewerkschaft. Die Arbeitswelt hat sich nur in den letzten 30 Jahren extrem verändert. Die alten Werkzeuge sind unbrauchbar geworden. Menschen in in prekären Arbeitsverhältnissen die Schuld zu geben, das sie sich nicht wehren würden ist nicht wirklich überzeugend. Damit gewinnt man keine Mitglieder und macht auch nichts besser. Sie werden die Kennzahlen kennen. Wie viel so genannte “Aufstocker” haben wir jetzt in Deutschland? Ich glaube über 100.000 - richtig? Wie viel Prozent der Beschäftigten haben einen Zeitvertrag oder ein Honorarvertrag? Es dürften kaum weniger sein. Wie viele Praktikanten haben wir, die der Qualifikation nach schon locker Geld bekommen müssten für ihrer Arbeit. Ich kann die Liste beliebig verlängern. In Berlin gab es mal den Spruch “Bei Siemens lernen und sterben”. Will sagen, man hat sein ganzes Leben in einem einzigen Betrieb gearbeitet. Heute sind 5 Jahre schon viel. Jeder hat mindestens (so wie ich) zwei Berufe gelernt. Lehrzeit mit prekären Arbeitsverhältnissen ohne Vergütung.

Das “Schwarzepeterspiel” führt zu nichts. Es hilft kein Deut weiter, immer nur auf andere zu zeigen. Fakt ist, das es ein Überangebot an Arbeitskraft auf dem “Ersten Arbeitsmarkt” gibt. Wo ein Überangebot ist, da verfallen die Preise. Das kann weder die Gewerkschaft verändern, noch die Beschäftigten. Der Staat könnte die Preise “stützen” wenn, wenn er im grossen Stiel Arbeitskraft einkaufen würde. Das würde aber heissen, Bereiche wieder zu verstaatlichen (ich denke da an erster Linie an Altenpflege z.B.) Das ist mit der jetzigen Regierung aber nicht zu machen. Ein anderes Mittel währen staatliche Festpreise, als ein Mindestlohn. Da sind wir (die Gewerkschaft und die Beschäftigten) ja schon seid einiger Zeit dran, das durch zu bekommen.

Ich bin der Meinung man muss als Gewerkschaft aber auch bereit sein neue Wege zu gehen und ggf. sich neu zu definieren. Die Gewerkschaft ist kein Selbstzweck. Wenn sie den Beschäftigten nichts mehr zu bieten hat, als Schuldvorwürfe ist sie überflüssig geworden.

Und jetzt noch mal zu dem “Fair-Job- Siegel”. Das so was funktionieren kann und wird, zeigen andere jetzt schon auf. Die Mutmassung, das dich ein Betrieb raus putzt um das Siegel zu bekommen, und danach alles wieder beim Alten belässt, halte ich für unzutreffend. Das würde bei einem “Preis” passieren, der ein mal vergeben wird, aber nicht bei einem Gütesiegel, das regelmässig, unangekündigt geprüft wird und ggf. aberkannt wird. Genau so funktioniert z.B. der “Blaue Engel” oder das “FAIRTRADE”-Gütesiegel. Oder wollen sie wirklich allen ernstes behaupten, die Firmen würden alle schummeln, die das Siegel haben?

MfG

Olaf Radicke

Mein Vater war organisiert und seine Kollegen zu fast 100% auch. Meine Mutter war auch in der Gewerkschaft in einem Betrieb mit hoher Organisations-Quote. Beide in Staats nahen Betrieben (Stadtwerke). Dann kam die wende, der Neoliberalismus, die Globalisierung, die Massenarbeitslosigkeit, die Privatisierung und die Kollegen aus den Neuen Bundesländern, von denen nicht einer in der Gewerkschaft war. Weder meine Mutter noch mein Vater sind aus der Gewerkschaft ausgetreten. Sie sind einfach privatisiert und dann platt gemacht worden. Und welchen Vorwurf möchten sie meinen Eltern heute machen? Ich mache ihnen keine Vorwürfe.

Sie sagen doch auch, nur die Macht der Verbraucher fürchten Aldi & Co. Also geben wir ihnen das Mittel an die Hand, den Betrieb zu unterstützen, der es auch wert ist. Mit dem “Fair-Job-Siegel” geben wir dem Verbraucher die Chance und die Verantwortung die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Wenn Aldi & Co den Gewerkschaften nicht traut, dann gründen wir eine unabhängige Stiftung. Wir können doch eine Umfrage machen unter den 300 grössten Arbeitgebern, ob wie sich von einer solchen Stiftung zertifizieren lassen würden, wenn der Verbraucher das einfordert.

Wenn die Mehrheit “Ja” sagt, ist der erste Weg nicht zu Aldi & Co sondern zum Verbraucher: “Hay! Es gibt jetzt ein Fair-Job-Siegel. Frage deinen Händler und Zulieferer danach. Vordere es ein und drohe zu Konkurrenz zu gehen.” Dann möchte ich mal sehen, ob Aldi & Co zucken. Da können die noch so viel Hochglanz-Prospekte drucken. Das gesülze glaubt ihnen niemand mehr, so sie so tolle Arbeitgeber sind.

MfG

Olaf Radicke