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Kommentar zum Quäker 5/2013

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein. In den letzten Monaten bin ich selten auf die Vereinszeitschrift des GYMs “Quäker” eingegangen. Diesmal habe ich ein paar erwähnenswerte Sachen für mich entdeckt.

Ich muss sagen, dass ich es bemerkenswert finde, dass es den “quäker” immer noch nicht in digitaler Form gibt. Die Münchner Mennoniten haben mittlerweile auf digitale Verteilung umgestellt. Die Gründe sind klar:

Auf ein Editorial wurde diesmal (kommentarlos) verzichtet. Ob darauf künftig immer verzichtet wird, ist nicht klar. Es wird sich wohl noch zeigen. Hinzugekommen ist die Ankündigung des Schwerpunktes der nächsten Ausgabe.

Auf Seite zwei (bzw. 225) lacht mich gleich wieder ein Nachdruck von 1933 an. Von dem Selbstverständnis als “Geschichsverein” wird sich der GYM wohl bis zu seinem Untergang nicht mehr trennen können. Die nächsten fünf Seiten sind dann auch wieder Nachdrucke von 2000 und 1933. Gääähhhn…

Ein bisschen spannender wird es dann im Artikel “Außenkanzel”, in dem Heidi Blocher ein paar eigene Gedanken wagt. Anlass war der Schaukasten vor dem Quäker-Haus in Bad Pyrmont. Warum “Schaukasten” in Anführungszeichen steht, hat sich mir nicht völlig erschlossen. Welch emotionale Herausforderungen für GYM-Mitglieder mit einem solchen Schaukasten verbunden sind, erstaunt mich immer wieder! Zumal es ja mittlerweile für das GYM selbstverständlich ist, seit vielen Jahren einen “Schaukasten” in Form einer Internetseite zu betreiben.

Heidi Blocher schreibt: Seit einiger Zeit fühle ich, dass wir [GYM-Quäker] wieder ‘predigen’ sollten. Es ist nicht wahr, dass nur Handlungen Wahrheit vermitteln.

Offenbar meint Heidi aber nicht das Öffentliche Predigen. Also kein Outreach (Öffentlichkeitsarbeit). Denn ein paar Absätze später schreibt sie:

Warum ist es nicht anstößig, intime innere Erfahrungen zu teilen in der Quäker-Versammlung oder mit einzelnen Freunden?

Das Wort “Intimität” kommt dann noch dreimal in dem Artikel vor und zeigt - in meinen Augen - das Verständnis der GYM-Quäker von Glauben und Gemeinde: es ist etwas was im Privaten - ja vielleicht sogar im Geheimen abläuft. Glaube und Überzeugung sind nichts, das man in die Welt hinaus trägt wie eine frohe Botschaft die man mit allen teilen möchte. Nein, es scheint mehr etwas Beschämendes und Peinliches zu sein, das man in intimen Kreise oder besser noch alleine mit sich selbst aus macht.

Diese ewige Geheimniskrämerei der GYM-Quäker hat mich schon immer befremdet - ja, sogar abgestoßen. Ich hatte immer ein wenig das Gefühl, dass Einige in der Quäker-Gruppe schon fast so was wie eine Therapie-Gruppe sahen. Deshalb wirken auch solche Sätze wie dieser von Heidi völlig bizarr auf mich:

Wenn wir mit Menschen, die nicht zu uns gefunden haben, teilen, was uns innerlich auf dem Herzen brennt, sollte, dürfte wir dies erst tun, nachdem wir uns mit ihnen zu solcher Intimität verbunden haben. […] Was müsste geschehen, geistig, zwischen uns und anderen, das solche Vermittlung ‘natürlich’ werden ließe, ohne Anstößigkeit?

So, jetzt stelle ich mir gerade vor, das ich mit Angela Merkel in ein intimes Verhältnis treten müsste, um ihr ins Gesicht sagen zu können, das es völlig unchristlich ist, wie sie seid Jahren den gesetzlichen Mindestlohn boykottiert. Oder noch lustiger: Ich erlebe wie ein Kollege von mir rassistisch beleidigt oder diskriminiert wird. Und dann soll ich nicht meine Stimme erheben weil die Rassisten Anstoß nehmen könnten? Sondern mich

[…] mit ihnen verbinden, um solche Verkündigungen wagen zu können?

(Zitat H.B.). Ich glaube dahinter steht er die Angst vor der EIGENEN Verletzlichkeit, als irgend welche holden Ziele und Einfühlungsvermögen!

Auf Seite 222 ist ein Artikel mit dem Titel “Neues unter der Sonne” der nicht viel Neues aussagt, weil er ein 10 Jahre alter Text ist. Der Reprint auf Seite 226 ist sogar fast 100 Jahre alt. Der Autor hatte jedoch auch damals schon kaum Ahnung von G. Fox, über den er schreibt,

[er] hat ständig gegen die ungleiche Verteilung der Besitz gesprochen."

was einfach mal Quatsch ist. G. Fox hatte noch nicht einmal ein Problem mit der Sklaverei an sich. Wer sich Gedanken über die gerechte Verwendung der Güter gemacht hat, was William Penn (*1644 †1718). Nachzulesen in “Ohhe Kreuz, keine Krone” (ISBN 3839126088).

Ab Seite 229 berichtet voller Begeisterung John Woosname. Er verweist sogar auf das böse böse Wikipedia! Den Satz

Er [Rumi] verurteilt Sklaverei, propagierte Einehe und trat ein für eine religiöse und gesellschaftliche Höherstellung von Frauen.

ist für mich nicht verständlich. Höher als üblich in der islamischen Welt? Höher als Männer? Oder ist "Gleichstellung" gemeint?

Ab Seite 235 ist ein Bericht von der Bezirksversammlung Rhein-Ruhr zu finden (von Wolfgang Rasek), die als Leitthema "Mitgliedschaft" hatte. Gleich im ersten Satz wurde betont, das nicht die Mitgliedschaft im Verein gemeint ist, sondern in "der Glaubensgemeinschaft". Da wird dann wieder von unausgesprochen fundamentalen Grundannahmen ausgegangenen, die man dann erraten soll. Und/oder deren problematischen Grundannahmen man nicht hinterfragen will. Nur ist jede Aussage, die auf Grundlage dieser ausgeklammerten Fragen gemacht wird, auf Sand gebaut. Der zweite Satz lautet dann auch

Woanders ist das nicht der Rede wert, bei uns Quäkern jedoch eine ständige Herausforderung.

Ganz klar: Nein! Ein kurzer Blick z.B. in das book of disciplin des Ohio Yearly Meeting zeigt, dass andere Quäker dieses Problem nicht haben. Es ist der ewige Eiertanz der GYM, der da eine Never-ending-strory Sache daraus macht. Klare Positionen war noch nie die Stärke des GYM.

Die Aussage über die Quäker-Flügel, die in den Artikel gemacht wird halte ich für falsch:

Dann kam die moderne Zeit nach einer vorübergehenden Trennung von konservativen, bibeltreuen und liberalen Freunden. Es existieren immer noch unterschiedliche Traditionen, wie Neithard Petry es auch wieder beim Welt-Quäkertreffen in Kabarak erfuhr..

Ja was denn nun? Gibt es eine "vorübergehenden Trennung" oder eine bestehende? Von einer Einteilung in "Bibeltreue Quäker" habe ich noch nie etwas gehört. Gemeint waren wahrscheinlich "evangelikale" oder "pastorale"

In dem Absatz “Und Mitgliedschaft heute?” kommt es dann aber noch mal richtig dicke:


Wir freuten uns bei der Geschäftsversammlung, einen Mitgliedsantrag mit Besuchsbericht zu hören, und stimmten zu. Wir brauchen Abgrenzung und eine Heimat, die Andacht, die gemeinsamen Werte. Das Licht leuchtet in jedem, bleibt für mich aber auch nach dem Wochenende schwer zu fassen.


Was stellt sich den Wolfgang Rasek unter “Abgrenzung” vor? Wieder das alte Weltbild aus der Zeit des Quietismus (zirka 1690 bis zweite Hälfte 18. Jahrhundert): Wir die Guten und da draußen die auf dem Weg der Sünde sind der direkt in die ewige Verdammnis führt? Und was soll das Geschwafel von der Andacht als Heimat. Es gibt nur noch eine Versammlung die sich wöchentlich trifft (Berlin), alle anderen treffen sich höchstens alle zwei Wochen. In den gesamten “Neuen Bundesländern” gibt es keine intakte Versammlung mehr! Auch wenn man von der völligen Unkenntnis des Autoren von der Situation im Bezirk “Ost” ausgeht, sollte er wissen, dass es in seinem eigenen Bezirk (Rhein-Ruhr) bis auf eine Versammlung (Dortmund) keine mehr gibt, die sich öfter als einmal im Monat trifft. Unter diesen Umständen kann überhaupt keine soziale Normierung mit gemeinsamen Werten entstehen. Die Mitglieder wissen überhaupt nichts von einander, was sie tun und wie sie leben. Von daher wundert es mich auch fast nicht, dass der Autor mit "dem von Gott in Jedem" ("Das Licht leuchtet in jedem") nichts anzufangen weiß. Weiter unten stellt er dann auch selbst fest:

Nestwärme ist schwer zu erreichen, weit verteilt wie wir leben, […]

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. In Städten wie Hamburg, Berlin und München sind genug Leute vorhanden, nur können die sich nicht ausstehen oder haben aus anderen Gründen kein Bock auf Gemeinschaft. Ich habe in keiner sozialen Gruppe so viel Profielneurotiker, Mimosen und Egozentriker kennengelernt, wie bei den Quäkern.

Aber trotz (oder wegen?) der theologischen Ahnungslosigkeit schreibt dann Wolfgang Rasek ein paar Zeilen später:

Ich habe viel dazugelernt, Zufriedenheit und Stolz über meine eigene Mitgliedschaft gefunden.

Ich muss nicht verstehen, worauf jetzt Wolfgang Rasek stolz ist - oder??