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Leserbrief von Wilhelm Prasse

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Ich freue mich, das Wilhelm meiner Bitte nach kam, und mir erlaubt hat seinen Leserbrief an den “Quäker” ab zu drucken, der in der Ausgabe Nr. 5, 2010 - 84. Jahg. (ISSN 1619-0394) erschien. Der Text ist nicht exakt der selbe der im “Quäker” zu finden ist. Ich habe ihn auch nicht redaktionell bearbeitet.

Ich wollte ihn unbedingt in meinem Blog veröffentlichen, weil ich ihn für ein sehr wichtigen Beitrag in der derzeitigen (inner-)quakerischen Auseinandersetzung finde. Und auch für außen stehende von Interesse ist, die sich auf der theologischen Standpunktsuche von sich oder den Quakern befinden. Da ich weiß, das nicht wenige Quaker die Zeitschrift “qoäker” nicht (mehr) lesen, hoffe ich über dieses Medium, möglichst viele in die Debatte ein binden zu können und den Austausch untereinander zu fördern.

Wilhelm Prasse, 17.7.2010, Leserbrief abgedruckt Sep./Okt. 2010 in der Zeitschrift “Quäker”.

Lieber Konrad,

in vielem kann ich deinem Leserbrief in Quäker 3/2010 zustimmen und es sogar als eine Bereicherung ansehen, wenn du mit dem „Kostbaren“ in jedem Menschen den verschiedenen Benennungen des angeblich Unnennbaren einen weiteren Namen hinzufügst, um den so missbrauchten Namen „Gott“ zu vermeiden. Aber warum teilst du deshalb die Quäker religionsphilosophisch ein in eher„atheistische“ und „theistische“ und legst damit nicht nur dich selber fest? Ich kenne niemanden, der sich als „Theist“ bezeichnet, dagegen einige, die wie ich herausfordernd von sich behaupten, dass sie atheistisch an Gott glauben, weil sie zwar an den angeblich allmächtigen Herrscher- und Richtergott – geschaffen nach dem Bilde männlicher Herrscher – nicht glauben, aber dabei nicht stehen bleiben. Wenn ein Gottesbild sich als unglaubwürdig erweist wie im Jahre 723 der germanische Donnergott Donar, ist das ja kein Beweis dafür, dass es gar keinen Gott gibt, sondern ein Hinweis darauf, dass der wirkliche, als vertrauenswürdig erfahrbare Gott ein ganz anderer sein könnte. Von erfolgreichen Versuchen, diesen zu finden, berichtet auch und gerade die Geschichte der Quäker, wenn man ihren Zeugnissen glaubt. Sie wurden dadurch innerlich angeregt zu einem Leben und Handeln im Geiste der Bergpredigt und damit zum Mitwirken am„Reich Gottes“ auf Erden, das Jesus verkündigte.

Aber auch wenn – anders als du – manche Quäker „sich bedrängend vereinnahmt fühlen und sie erleiden“, steht es dir frei, Bekenntnisse zu deinem Unglauben zu veröffentlichen bzw. zu deinem Glauben, denn: „Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“ (Martin Luther, Großer Katechismus, Auslegung des ersten Gebotes). Was in diesem Sinne dein Gott ist, kann ich nur ahnen, wenn ich z. B. dein stolzes Selbstzeugnis lese: „Ich gehöre zu jener Gruppe von Freunden, deren Quäkersein sich im täglichen Handeln ausdrückt und erfüllt.“ Gehören zu dieser Gruppe nicht gerade auch viele der Quäker, die du als eher „theistisch“ bezeichnen würdest, und auch die, die über ihr tägliches Handeln hinaus Erfüllung suchen und davon in Wort und Schrift zeugen? Und was ist mit denen, deren Hände aus verschiedenen Gründen gebunden sind, so dass sie nicht oder nicht mehr handeln können und somit nicht zu denen gehören, „die mir ähnlich sind“, wie du schreibst, und deinem Maßstab – dir – nicht entsprechen? Können die, die dir nicht ähnlich sind, nicht die gleiche Achtung von dir erwarten, wie du sie dir wünschst? Zumal du dich offensichtlich ja nicht mit Handeln begnügst, sondern viel liest, schreibst und redest.

Obwohl Mitglied der RGdF geworden, habe ich nicht aufgehört, mich mit der Tradition der Freunde zu beschäftigen, und lese zur Zeit „Deutsche Quäkerschriften, Band 2, 18. Jahrhundert“. Ich bin Claus Bernet sehr dankbar, dass er diese Zeugnisse herausgegeben hat, deren Verfasser und Übersetzer natürlich die Bibel noch nicht historisch-kritisch lesen und sie auch nicht – wie Dietrich Bonhoeffer es vorhatte – in neuer, weltlicher Sprache auslegen konnten. Dennoch – und das hat mich überrascht und erfreut – haben sie die alten Schriften geistlich verstanden und sie als äußere Quelle des gleichen Lichtes erlebt, das in ihrem eigenen Inneren leuchtete. Gegenwärtig scheinen gerade viele deutsche Quäker diesen geistlichen Zugang nicht mehr zu haben und auch nicht zu suchen. Wenn aber nicht einmal wie früher in den überlieferten Worten Jesu der gleiche Geist wahrgenommen wird, der sich in unserem Inneren zu Wort melden will, dann – fürchte ich – wird das schweigende Hören nach innen mit Schweigen beantwortet, und es bleibt im besten Falle nur eine Ähnlichkeit im täglichen Handeln als Tradition übrig.

Dazu schrieb schon Benjamin Holme 1724 (Quelle s. o. S. 209): „Wenn wir die innere Erscheinung des Herrn Jesus Christus durch sein Licht oder durch seinen Geist in den Herzen der Menschen bezeugt haben, wie viele haben dann nicht ihr Befremden darüber an den Tag gelegt und sind bereit gewesen zu fragen: Wie kann das sein? Ja, wenn wir von der inneren Gemeinschaft geredet haben, die man schon hier auf Erden mit dem Vater und seinem Sohne genießen könne, so kommt es noch vielen unbegreiflich vor, wie das möglich sei, obgleich … die ersten Christen eine lebendige Erfahrung davon hatten“ (1. Joh. 1,3). Ein solches Befremden und eine solche Unbegreiflichkeit gegenüber dem Zeugnis von Quäkern, die nicht nur ihr Leben sprechen ließen, kam anscheinend damals nur bei anderen „Christen“ vor, heute dagegen scheint es bei Freunden – besonders deutschen – schon fast normal zu sein.

Das bedauert dein dich dennoch freundschaftlich grüßender

Wilhelm.