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Warum ich kein Vereinsquaker bin

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein.

Anlässlich des konfusen Geblubbers der Vereinsquakern (Offiziell: Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) Deutsche Jahresversammlung e.V.) in der Vereinszeitschrift "Quäker” (Jan./Feb. 2010), über die - aus ihrer Sicht - vermeintlichen Dissidenten, will ich mal versuchen, etwas mehr Substanz in die Angelegenheit zu bringen. Der Streit geht schon einige Jahre. Hier mal eine unvollständige Chronik der Ereignisse. (Glossar am Ende des Artikels)

Okay, wir sind also die Quaker, vor denen euch die Vereinsquaker schon immer gewarnt haben. In der Tat gibt es einige Dinge, die wir anders sehen und anders handhaben. Ich mache hier mal eine Liste von Beweggründen, warum ich mich den Unabhängigen Quakern angeschlossen habe.

Ich bin überzeugt der Verein ist widernatürlich für das Quakertum. Und auch unnütz. Ich habe die Vermutung, er wurde nur gegründet, um Steuern zu sparen und lukrative Erbschaften machen zu können.

Was mich maßlos nervt, ist die Intransparenz, mit der Dinge in der Deutschen Jahresversammlung beschlossen werden

Den Grund dafür sehe ich in dem Problem, dass das Quakertum in Deutschland auf den Kopf gestellt wurde. Normalerweise sind die Monatsversammlungen autonom. Und sie schicken Delegierte in die nächsthöheren Gremien: die Vierteljahresversammlungen. Und die wieder ihrerseits Delegierte in die Jahresversammlung. Also vergleichbar mit einem anarchistischen Rätesystem. In Deutschland ist es aber andersherum. Es sind alle Mitglieder im obersten Gremium, der Deutschen Jahresversammlung. Viele Mitglieder haben gar keine Monatsversammlung. Damit das nicht im absoluten Chaos versinkt, gibt es für jeden Pups ein Ausschuss, der Beschlüsse vorbereiten und umsetzen soll. Das Problem ist nur, dass diese Ausschüsse nicht nachvollziehbar besetzt werden, von einem ‘Bennenungsausschus’. Normalerweise werden Ausschüsse direkt von den jeweiligen Geschäftsversammlungen der Monats-, Vierteljahres- und Jahres-Versammlungen kontrolliert. Da es aber so gut wie keine Monatsversammlungen gibt, obliegt die Kontrolle den Vierteljahres- und Jahres-Versammlungen. Nur die trifft sich nur äußerst selten und setzt sich größtenteils aus Mitgliedern zusammen, die man das ganze Jahr nicht gesehen hat. Und so sind die Ausschüsse übermächtig geworden. Die einzelnen Versammlungen können kaum kontrollieren, was ihnen von der Ausschüssen eigentlich vorgeschlagen wird. Und welche Optionen ihnen unterschlagen werden.

Zu welchen Absurditäten das führt, ist recht gut zusehen, bei der Aufnahmeprozedur. Der Aufnahmeantrag wird beim Bezirk (Vierteljahresversammlung) eingereicht. Die beauftragt eine Monatsversammlung mit den Aufnahmegesprächen. Meist haben die Antragsteller aber keine Monatsversammlung bei sich in der Nähe. So gibt es im gesamten Bezirk nur eine einzige Monatsversammlung die sich regelmäßig trifft: Berlin. Der Bezirk Ost reicht aber von Rostock bis Chemnitz und von Eisenhüttenstadt bis Eisenach. Also wird der derjenige auf eine Bezirksversammlung eingeladen. Vielleicht wird er auch zu Hause mal besucht. Dann schlägt das Aufnahmekommitee dem Bezirk vor aufzunehmen oder nicht. Dieser Vorschlag wird an die Jahresversammlung weiter gereicht. Die kennt den Neuen in der Regel nicht und folgt der Empfehlung des Bezirks. Dann wird der Neue formal von der Jahresversammlung aufgenommen. Und der Clou ist noch, dass er damit automatisch einem Verein beigetreten ist, ohne es zu wissen. Die Vereinssatzung wird ihm nicht unaufgefordert übergeben, sondern er/sie muss explizit danach fragen. In der “Ordnung des Zusammenlebens” in der Version von 2003 (ISBN 3-929696-31-2) wird auf Seite 33 und 34 immer von der “Mitgliederversammlung” gesprochen. Das wäre aber die Jahresversammlung des Vereins. Daran kann man auch erkennen, dass die “Ordnung des Zusammenlebens” überhaupt nicht zusammenpasst mit der Vereinsform. Das dort beschriebene Prozedere wird auch selten eingehalten.

Ein anderer Punkt, den ich kritisiere betrifft die Absentisten. Also Mitglieder, die nie in Erscheinung treten. Und wenn sie mal in Erscheinung treten, glauben sie bei allen mitreden zu müssen, ob wohl sie überhaupt nicht wissen, was in der Gemeinde aktuell los ist. Das berührt auch die “Ordnung des Zusammenlebens”. Da steht nämlich auf Seite 34, dass sich Mitglieder aktiv um das Gemeindeleben kümmern sollen. Andernfalls ist zu prüfen, ob es triftige Gründe für das Fernbleiben gibt. Ist dem nicht so, können Gruppen und Bezirke den Ausschluss bei der Mitgliederversammlung, also der Jahresversammlung beantragen. Das wird aber nicht gemacht. Stattdessen zählt man die ganzen Karteileichen weiter zu den Mitgliedern. Aber selbst wenn ein solcher Ausschluss mal beantragt werden sollte, würde es der Jahresversammlung wohl schwer fallen, darüber zu entscheiden, da ja die meisten Mitglieder das ganze Jahr über keine Kontakte zueinander haben. Das ist der nächste Punkt. Es wäre gut möglich, dass jemand Puffbesitzer auf der großen Freiheit in Hamburg wäre, ohne dass die Vereinsquaker das mitbekommen würden. Einfach, weil es kein aktives Gemeindeleben gibt. In Hamburg gibt es nur einmal im Monat Gottesdienst. Und zu dem gehen noch die wenigsten! Aber es gibt noch jede Menge Gebiete da gibt es GAR NIX!!!!

Wenn dann jemand mal Mitglied geworden ist, kann er davon ausgehen, dass er recht schnell ein Amt aufs Auge gedrückt bekommt. Egal wie unerfahren er ist. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe, bin ich der Überzeugung. Erstens hat keiner Bock, Verantwortung zu übernehmen und die Neuen wollen sich möglichst schnell “bewähren”, und zum anderen lassen sich Unerfahrene leichter unter Druck setzen und mit altklugem Gerede beeindrucken. Mit Widerstand ist da nicht zu rechnen. So lässt man dann gerne die Drecksarbeit die Neuen machen. Selbst die wichtigsten und schwierigsten Ämter werden mittlerweile mit blutigen Anfängern besetzt. So wurde das höchste Amt, der Schreiber der Deutschen Jahresversammlung, also der “Vereinsvorstand” an jemanden vergeben (Horst-Dieter Breuer), der vier Jahre zuvor (im Frühjahr 2005) Mitglied der DJV geworden war!

Auch die Verteilung der Mittel sagt viel darüber aus, wo die Gewichtung der Deutschen Jahresversammlung liegt…

Ein anderer Punkt, den ich an den Vereinsquakern kritisiere, ist die Handhabung der sogenannten Doppelmitgliedschaft. Ich sehe das als einen Teil des Problems, das ich zuvor beschrieben habe. Von Anfang an ging die Deutsche Jahresversammlung damit sehr lasch um. Es war in erster Linie das Zugeständnis an die Bürgerliche Schicht. Das Resultat war, dass lange Strecken über die Hälfte der Mitglieder in anderen Gemeinschaften Mitglieder waren. Zumeist in der evangelischen oder der katholischen Kirche. Heute, mit zunehmender Säkularisierung, wird das Problem abnehmen. Genaue Erhebungen hat es aber in der letzten Zeit nicht gegeben. Ich halte solche Doppelmitgliedschaft aber prinzipiell für sehr Kritisch. Ich bin der Meinung, man sollte nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen. Man muss sich irgend wann mal verbindlich entscheiden, wo man hingehört. Gerade die Katholiken und Protestanten haben eine ganz andere Theologie als die Quaker. Wenn man einigermaßen ehrlich ist, muss man eingestehen, dass sich die Auffassungen gegenseitig ausschließen. hier nur einige Schlagworte, wo es große Differenzen gibt:

Überhaupt fehlt mir bei den Vereinsquakern der Wille und das Vermögen zu einer kritischen und vor allem selbstkritischen Einstellung! Kontroversen werden schon im Ansatz erstickt. Schon gar nicht werden sie in größerer Öffentlichkeit ausgetragen. Immer mit dem Argument: “Quaker sind friedlich und tun so was nicht.” und das ist Quatsch! Dieser Irrglaube rührt daraus, das die Vereinsquaker sich niemals ernsthaft mit Quakergeschichte beschäftigt haben. Das offenkundige Desinteresse an den eigenen Wurzeln, zeigt sich unter anderem darin, das die Deutsche Jahresversammlung und deren Literaturausschuss unfähig oder unwillig ist, fundermentale Quakertexte neu auf zu legen und zu publizieren. Es gibt schon seid Jahrzehnten keine Fox-Tagebücher mehr auf Deutsch. Für die Wiederauflage eines Grundlagentextes von Penn habe ich selber gesorgt (Siehe: William-Penn-Buch nach 184 Jahren wieder neu aufgelegt). Zu der mangelnden Kritikfähigkeit zähle ich auch den Monate langen Edit-War um die Quakerartikel in Wikipedia. Für mich wäre es an der Zeit, das die Deutsche Jahresversammlung öffentlich eingesteht, das sie während der Zeit der Nationalsozialisten versagt hat. Es gab einige Mitglieder die großartiges für die Menschlichkeit getan haben, aber es gab auch Täter unter den Mitglieder. Die Deutsche Jahresversammlung ist nicht ihrem Zeugnis treu geblieben und hat sich öffentlich als Gemeinschaft den Nazis in den Weg gestellt. Das ist einfach mal Fakt! Viele andere Gemeinschaften haben sich schon untereinander um Vergebung gebeten, für das Unrecht was sie einander angetan haben. Es ist an der Zeit das die Deutsche Jahresversammlung sich öffentlich zu ihrem Versagen bekennt! Solange das nicht geschehen ist, ist für mich eine Mitgliedschaft in der Deutschen Jahresversammlung ausgeschlossen!

Die Mitgliederstrucktur und ihrer Ursachen habe ich schon angerissen. Ich halte es für sehr kritisch, das die derzeitigen Mitglieder der Deutschen Jahresversammlung auffällig homogen sind. Die meisten sind im fortgeschrittenen Alter, stammen aus bürgerlichen Verhältnissen, sind Akademiker, finanziell abgesichert, arbeiten oder haben gearbeitet im sozialen und pädagogischen Bereich. Ich habe nichts gegen diese Gruppe, aber ich halte es für ungesund wenn die Gesellschaft fast nur aus einem bestimmten Teil der Bevölkerung stammt. Die derzeitigen Strukturen und die derzeitige Kultur der Vereinsquaker fördern offenbar eine solche Homogenisierung. Das ist aber untypisch für Quakergemeinschaften! Geschichtlich betrachtet waren die Quaker, zum Beispiel im Vergleich zu den Mennoniten, auffallend gemischt (Siehe: Wikipedia-Artikel). Von daher sollte man genau hinsehen, warum das so ist. Könnte es sein, das Mitglieder nur aufgenommen werden, wenn sie den “gewissen Stallgeruch” haben? Oder weil die Angebote der Vereinsquaker einseitig zugeschnitten sind?

Aber ich wollte nicht nur maulen und habe mir gesagt: “Es gibt nichts Gutes, aus man tut es….” und so gibt es jetzt eine Quakergruppe, die nicht an die Deutsche Jahresversammlung angeschlossen ist. Die Unabhängigen Quaker München! Das ist die ganze Story…

Glossar

In dem Artikel fallen eine ganze Menge Begriife, die nur im Quakertum auftauchen. Um den Leser bei der Orientierung zu helfen, habe ich hier noch ein kleines Glossar angehängt.

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