POSTS

Interreligiöses Denken als Gebot der Stunde

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein.

Wir leben in einer Zeit, in der sich gegenseitiges Unverständnis, Vorurteile und Feindseligkeit zwischen den Religionen und Kulturen immer weiter zuspitzen. Von manchen Politikern und religiösen Führern wird ein „Kampf der Kulturen“ beschworen, und unter vielen Gläubigen breitet sich Angst aus vor dem als Bedrohung empfundenen Anderssein der fremden Religion. Aus dieser Angst entstehen hier und da auch Gefühle des Hasses und der Aggression. Manchen politischen Machthabern scheinen solche Gefühle gut ins Konzept zu passen, denn sie dienen den von ihnen aufgebauten Feindbildern, durch die Völker kriegsbereit gemacht werden sollen. So wird vor allem eine Hysterie der Angst vor dem Islam geschürt. Die friedliche Religion des Islam wird mit dem gewaltbereiten islamistischen Fundamentalismus gleich­gesetzt und pauschal verantwortlich gemacht für den gesamten internationalen Terrorismus. Durch geduldete Provokationen - wie etwa Verunglimpfungen des Propheten Mohammed - wird Öl ins Feuer der um sich greifenden Feindschaft gegossen. Die Verletzung der religiösen Gefühle von Muslimen und die Diskreditierung muslimischer Mitbürger auf vielfältigste Art ist zu einer alltäglichen Erscheinung geworden.

Ich betrachte das alles mit großer Sorge, und ich frage mich:

<li>Wie kann es sein, daß in manchen christlichen Gemeinden und von manchen (sonst als seriös geltenden) Theologen eine offen islamfeindliche Grundhaltung gepflegt und Angst verbreitet wird vor einer angeblich drohenden Vernich­tung des Christentums durch den Islam?</li>

<li>Wie kann es sein, daß Menschen es wagen, in einem christlichen Internetauftritt den Islam als eine „kranke und gefährliche Pseudoreligion“ zu bezeichnen und damit Millionen von Muslimen zutiefst beleidigen, indem sie deren Heiligstes auf schlimmste Weise beschimpfen?</li>

Dem Argument, die andere Seite sei es doch, die den Haß säe, und von der anderen Seite gehe doch die Verschärfung des Zwiespalts aus, sei die christliche Grundüberzeugung entgegen­gehalten, daß Böses nicht mit Bösem beantwortet werden soll, und daß der Gegner beschämt wird, wenn man ihm Gutes tut. Nur so kann er erfahren, was christliche Vergebung bedeutet. Was hat kleinliche Vergeltungssucht gemein mit der Größe der christlichen Kraft, die aus dem Glauben erwächst?

Ich meine, wir haben aus unserer deutschen Geschichte unter anderem auch zu lernen, daß die Diskriminierung und Verfolgung von Andersdenkenden und Andersglaubenden zu furcht­baren Auswüchsen führen kann. Wenn wir Christen nicht rechtzeitig aufwachen und die Gefahr erkennen, wird es irgendwann zu spät sein. In dieser Zeit, da die Möglichkeit vorhanden ist, unsere Erde mehrfach zu vernichten, kann es für ein authentisches, der Bergpredigt verpflichtetes Christentum entweder nur ein friedensförderndes Handeln geben oder aber die Mitschuld an einem dritten Weltkrieg.

Es liegt nun gewiß nahe zu meinen, daß gerade das Quäkertum von seinen traditionellen Grundüberzeugungen her prädestiniert erschiene, die Idee der Interreligiosität nicht nur theoretisch zu akzeptieren, sondern auch praktisch zu leben und also zu einer Gemeinschaft zu werden, in der die Einheit der Religionen unter Bewahrung ihrer Vielfalt ein Teil ihres Selbstverständnisses ist. Unter uns FREUNDEN gibt es verschiedene religiöse Grundrichtungen (so zum Beispiel eine christozentristische und eine universalistische) und sehr viele unterschiedliche persönliche Glaubenserfahrungen, die von einer traditionalistischen, auf dem christlichen Fundament aufbauenden Frömmigkeit über eine sehr freisinnig-liberalen Religiosität, die aus dem Rahmen der christlichen Tradition hinaustritt, bis hin zu Glaubensformen ganz ohne eine der traditionellen Gottesvorstellungen reichen. Dazwischen gibt es sicher zahlreiche individuelle Differenzierungen. Diese große Vielfalt an unterschiedlichen Ausprägungen quäkerischen Glaubens existieren nach meiner Beobachtung weitgehend konfliktfrei nebeneinander. Sie wird zum Beispiel in der Britischen Jahresversammlung – nach Aussagen von FREUNDEN – mit Toleranz ertragen, und in unserer deutschen Jahresversammlung habe ich bislang noch keine offensichtlichen Zerwürfnisse zwischen FREUNDEN mit unterschiedlichen Glaubensauffassungen wahrgenommen. Freilich kommt es auch uns bei hin und wieder vor, daß einzelne unter einer von anderen manchmal sehr nachdrücklich und absolut geäußerten religiösen Haltung leiden, weil sie sich zu sehr vereinnahmt und zu wenig verstanden fühlen. Aber das Vereinnahmenwollen und Nichtverstehen gehört, wie ich meine, ebenso wie die Bereitschaft, darunter zu leiden, zu den nur allzu menschlichen Schwächen, von denen nun einmal auch Quäker nicht frei sind.

Quäkerglaube versteht sich als eine „Religion ohne Dogma“, d.h. wir FREUNDE können im Grunde gut damit leben, daß es nicht nur in unserem eigenen Gesellschaft verschiedene religiöse Auffassungen gibt, sondern wir akzeptieren es auch, daß die unterschiedlichen Religionen, obgleich deren jeweilige Glaubensinhalte sich mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden, doch allesamt ihre Daseinsberechtigung haben. Da dies so ist, sollten wir damit auch über unsere Religiöse Gesellschaft der FREUNDE hinauswirken und allen gläubigen Menschen zurufen:

<li>Dabei wollen wir das Unterschiedliche und Trennende zwischen uns und den anderen nicht über das Gemeinsame und Verbindende setzen.</li>

<li>Wir wollen bedenken, daß nur dann, wenn Vergebung und Versöhnung statt Fanatisierung und Verfeindung zwischen den Religionen erreicht wird, Dialog möglich ist, und daß es ohne Dialog zwischen den Religionen keine Zukunft für die Menschheit gibt.</li>

<li>Wir wollen uns keine Angst machen lassen vor denen, die einen anderen Glauben haben, sondern wir wollen sie nach ihrem Glauben und ihren Ängsten fragen, um sie zu verstehen. Nur so lassen sich Brücken bauen und Ängste auf beiden Seiten mindern.</li>

<li>Wir wollen unser Glaubenswidersprüche nicht länger in lieblosem und selbstgerechtem Streit über die "wahre" Religion vertiefen, sondern wir wollen den fremden Glauben so respektieren lernen, wie wir wollen, daß man unseren respektiert. </li>

<li>Wir wollen uns eines gesunden Maßes an Demut und Ehrfurcht vor den religiösen Gefühlen und dem Erfahrungswissen der anderen befleißigen.</li>

Nur so werden wir dem Anspruch unseres Glaubens gerecht. Nur so werden die Angehörigen anderer Religionen uns achten statt fürchten. Nur so wird Frieden möglich.