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Auf dem West-östlicher Divan

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Angst erzeugt Stress. Stress erzeugt Aggression. Aggression erzeugt Gewalt. Gewalt erzeugt Angst und schließt so den Teufelskreis.

Mein Nachtbar, zweite Migranten-Generation aus einer alevitischen Familie, kommt ab und an mal bei mir vorbei. Wir diskutieren dann angeregt bis hitzig über “Gott und die Welt” oder auch über (die selbst ernannten) " Götter der Scheibenwelt”, frei nach dem gleichnamigen Buch[1]. Kürzlich erzählte ich ihm von dem Bericht über Schlägereien[2] zwischen Christen in der Grabeskirche[3], eines der oder gar DAS größte Heiligtum des Christentums. Israelischen Polizei musste die Streithäne trennen und vorübergehend ihrer Freiheit berauben, um schlimmeres zu verhindern. Aber die Katholiken meinen für das Seelenheil der Juden beten zu müssen[4]? Wir lachten beide. Ich frage ihn, ob sich schon Muslime an der Kaaba[5] geprügelt haben[6]. Er glaubt nicht. Ich füge hinzu, das sich aber Muslime gegenseitig auf dem Pilgerpfaden in die Luft gespränkt haben. Beschwichtigend macht er Handbewegungen, und sagt mit ihm könne ich über alles diskutieren, aber andere Muslime sind nicht gut auf das Thema zu sprechen. In der Tat, wahren wir mal gemeinsam neben an beim Trödelhändler, Migrant aus der Türkei erster Generation. Mein Nachtbar versuchte ihn, vorsichtig mit dem Problemen zwischen Schiiten und Sunniten zu konfrontieren. Er wand sich wie ein Aal.

Mein Nachtbar sagt mir aber auch ganz offen, das er sich von fundermentalistischen Christen bedroht fühlt und beeilt sich, mich davon ausdrücklich auszunehmen. Ich sage auch ganz offen hier: Ich fühle mich von fundamentalistischen Muslimen konfus bedroht. Es ist wirklich eine merkwürdige Situation. Ich erlebe meinen Nachbarn nicht als Bedrohung, aber die bärtigen Männer, in Orientalischer Kleidung mit ihren (selbst im Hochsommer) schwarz vermummten Frauen, in der benachbarten Einkaufstrasse, empfinde ich als subjektive Bedrohung meiner Wertevorstellungen. Wie mag wohl dieser Mann auf meine Freundin in kurzem Rock reagieren oder reagieren wollen?

Mit meinem Nachtbar ist das anders. Warum? Ich erwähnte es schon. Er ist Alevit. Zu den Aleviten schreibt Wikipedia:

"Aleviten beten nicht in Moscheen und legen den Koran nicht wörtlich aus, sondern suchen die Bedeutung hinter den Offenbarungen. Sie leben nicht nach den „Fünf Säulen des Islam“, weil sie diese „Säulen“ als Äußerlichkeiten ansehen. Dem setzen sie ihren Mystizismus entgegen. Zentrales Element ihrer Glaubensauffassung ist der in den Mittelpunkt gerückte Mensch. Diese Überzeugung ist besonders durch die Erinnerung an die Massaker geprägt, die an den Schiiten und Aleviten während der Alleinherrschaften sunnitischer Machteliten verübt wurden.[7]

…Ah! Das kommt einem als Quäker doch irgendwie bekannt vor! Jetzt könnte man frohlocken, man hätte ein Anknüpfungspunkt beim Islam gefunden. Leider gefehlt. Die Aleviten werden von den meisten (fundamentalistischen) Muslimen nicht akzeptiert. So wie die Quäker von anderen Christen Jahrhunderte lang - und zum Teil heute noch - als Ketzer und Gotteslästerer angesehen werden. Wenn man es überspitzt ausdrücken will: Da haben sich zwei Aussätzige gefunden.

Also nichts Gewonnen. Was hat das Quäkertum zu diesen Thema überhaupt zu bieten? Oh, sehr viel! Im Jahre 1657 machten sich sechs Quäker auf den Weg zum Sultan von Konstantinopel um ihn bekehren zu wollen. Mary Fisher wurde auch tatsächlich vom Sultan empfangen. Die Begegnung war offensichtlich (den Schilderungen von Fisher nach) durch tiefen Respekt geprägt und Fisher erklärte ihren englischen Freunden später, dass sie den Samen Gottes auch bei dem Sultan und seinen Leuten sehen konnte [8]. Nicht ganz so herzlich war das aufeinandertreffen der Quäker mit den Papst in Rom ein Jahr später. John Luffe hielt dem Papst Alexander VII eine flammende Rede in der er ihn unter anderem einen Antichristen nannte. John Luffe oder auch John Love überlebt den Besuch nicht. Ob er nun erhängt oder zu Tode gefoltert wurde, ist nicht zweifelsfrei zu klären[9]. Jedenfalls konnte der Besuch im Rom nicht als Erfolg gewertet werden.

Es gibt da noch ein andere Besonderheit der Quäker-Geschickte, was sie als Glaubens-Diplomaten akzeptabler erscheinen lassen könnte. Und zwar drei ihrer vier Zeugnisse. Das wichtigste ist wohl das Friedenszeugnis. Die oben genannte Spirale von Angst und Gewalt, könnte durch die kategorische Ablehnung von militärischer Gewalt, die Angst des Gegenüber, das sich-bedroht-fühlen vermindern [10]. Ich kann an dieser stelle nicht auf die grundsätzlichen Bedenken gegen ein Pazifismus eingehen und riskiere hier deshalb den Vorwurf der Blauäugikeit, den ich wegen der Kürze der Zeit unwidersprochen im Raum stehen lassen muss. Das zweite Zeugnis, ist das der Gleichheit, was beim Gegenüber als Angebot zu einem Dialog auf Augenhöhe wahrgenommen werden könnte. Das dritte Zeugnis ist das der Wahrhaftigkeit. Von Quäkern sollte wohl zu erwarten sein, dass sie das sagen, was sie wirklich glauben. Das heißt, wenn man “Freund” geheißen wird, ist das wirklich so gemeint und nicht nur solange, bis die Waffengeschäfte abgeschlossen sind und das Öl verteilt ist.

Wo könnte die interreligöse und die interkulturelle Reise in Deutschland hingehen? Ich habe mich mit dem Islam beschäftigt. Es gibt da einige Punkte die sind einfach inkompatibel mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN, mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und auch mit meinen persönlichen Überzeugungen. Es ist keine Lösung, das einfach vom Tisch zu wischen und zu ignorieren. Aber bevor ich genauer auf den Islam und meine Probleme damit eingehe, möchte ich auf die kritischen Elemente der Bibel, der Basis des Christlichen Glauben eingehen. Damit möchte ich meine eigene Position da stellen und zeigen das ich mich und meinen Glauben nicht weniger streng oder mit anderen Maßstäben messen will. Gewalt, Ungleichbehandlung und Intoleranz sind auch ein Thema in der Bibel, die scheinbar mit dem Zeugnis der Quäker kollidieren. Hier einige Kostproben, mit wir wissen wovon wir reden…

Ich denke, es zeigt sich, dass auch in der Bibel martialische Dinge zu finden sind und ich könnte die Liste fast beliebig verlängern. Es gibt - schon auf Grund des Umfangs - wahrscheinlich oder gewiss, in der Bibel, mehr solcher Stellen, als im Koran. Wenn man den Koran verbieten wollte, wegen Aufwiegelung, Gewaltverherrlichung und/oder Verfassungswidrigkeit; man müsste es mit der Bibel gleich tun! Ich behaupte einfach mal, ich kann aber trotzdem mühelos meine pazifistische Haltung, biblisch begründen und tue dies auch weiter unten. Aber weiß das ein Muslim? Und weiß ein Muslim, ob ich nur eine "Christliche Kuriosität" bin, oder repräsentativ für den Rest der Christenheit? Mit Blick auf die Militär-Seelsorger anderer Konfessionen muss ich sagen, die Skepsis ist berechtigt[19].

Es gibt einige Dinge, von den mindestens einige Muslime - wenn schon nicht die Mehrheit - behaupten, das es Gottgewollt oder gottgefällig sei, die ganz klar nicht vereinbar mit den Zeugnissen der Quäker sind und die auch meiner Überzeugung wiedersprächen. Dies möchte ich hier auch nennen dürfen. Auch hier keine vollständige Liste, sondern nur Beispiele.

<li>Gegen das Zeugnis der Gleichheit (<i>Testimony of Equality</i>).
<ul>
    <li>Die Stellung der Frau im Islam[20]+[21].</li>
    <li>Die ungleichbehandlung von Menschen, auf Grund ihres Glaubens ("Gläubige"(<i>Umma</i>), "Schriftbezitzer"(<i>Din, ahl al-kitab</i>), "Ungläubige"(<i>al-muschrikun</i>))</li>
    <li>Mohammed Frau Safiyya bint Huyayy nahm er sich als "Kriegsbeute", also gegen ihren Willen. Eben so seine Konkubine Raihana[24],[25]</li>
    <li>Bei der heutigen gängigen Auslegung der Schrift, verliert ein Muslim der sein Glauben ablegt oder wechselt, seine Erbanspruch, seine Soziale Anerkennung und nicht selten seine Gesundheit oder gar Leben[38]</i></li>
    <li>Von der Almosensteuer (<i>Zakat</i>) profitieren ausschließlich Muslime [26]</i></li>
    <li><i>Kairoer Erklärung der Menschenrechte</i> steht in Konflikt zu den <i>Allgemeine Erklärung der Menschenrechte</i>[27]</li>
    <li>Die Scharia sieht Sklaverei vor und es gibt auch Menschen die dies zu ihrer Grundlage ihres Handelns machen [28]</li>
    <li>Nichtmuslime müssen eine erhöhte sonder Steuer zahlen [29]</li>
    <li>Atheisten und Polytheisten sind völlig Rechtlos und im Grunde "Vogelfrei" [29]</li>
    <li>Für Frauen, Männer und Sklaven/Nichtmuslime gibt es unterschiedliche Kleiderregeln, die Aussagen zählen bei Gericht unterschiedlich schwer, das Erbrecht ist unterschiedet sich. [30]</li>
    <li>Muslimische Männer können "Ungläubige" Frauen heiraten, die Kinder sind aber automatisch Muslimisch. Sie haben keine Wahl</li>
<li>Ein "Ungläubiger" Mann kann umgekehrt keine Muslimische Frau heiraten</li>
<li>Nicht Muslime dürfen keine Zeichen ihres Glaubens offen tragen, Prozessionen begehen oder (neue) Sakralbauten errichten [31],[32]</li>
</ul>

Manche mögen einwenden, die Bibel sei ja genauso martialisch, wie ich es ja schon selbst gezeigt hätte. Nun komme ich nicht um hin, den Beweis für das Gegenteil anzutreten. Für mich ist nach Gott, Jesus die höchste Autorität der Bibel. Losgelöst von der Frage ob er “ein Christus” war oder “der Christus”, “ein…” oder “der… Menschensohn” usw… es gibt nicht viele Stellen in den vier Evangelien, die von Jesus selbst berichten, die man als Aufruf zu Gewalt (miss-)verstehen könnte. Da könnte man Matthäus 10,34 **“Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“** ins Felde führen. Aller dings wird recht schnell klar beim weiterlesen (den auf den Kontext kommt es an), das gemeint ist, wer sich zu Jesus bekennt oder dem wofür Jesus steht, Konflikte mit anderen bekommen wird und Leidtragender ist. Einfaches Beispiel: Wenn ich aus Glaubens gründen den Wehrdienst ablehne und nicht zur Musterung gehe, werde ich unter Zwang gemustert. Ich lehne Gewalt ab und muß also erst recht unter Gewalt leiden. Die andere Stelle, die oben schon genannt wurde, war Lukas 22:36. Auch hier kommt es wieder auf den Kontext an. Schauen wir uns an, was noch in dem Umfeld des Textes steht:

** Und er sprach zu ihnen: Als ich euch aussandte ohne Beutel und Tasche und Schuhe, hat euch etwas gemangelt? Sie sprachen: Nichts!Nun sprach er zu ihnen: Aber jetzt, wer einen Beutel hat, der nehme ihn, gleicherweise auch die Tasche; und wer es nicht hat, der verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert.Denn ich sage euch, auch dieses Schriftwort muß sich an mir erfüllen: «Und er ist unter die Übeltäter gerechnet worden.» Denn was sich auf mich bezieht, das geht in Erfüllung!Sie sprachen: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter! Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug!**

Oh-ha! Die Jünger bieten Jesus zwei Schwerter an und der sagt “genug!". Ich hab keine Ahnung was Jesus mit den Schwertern wollt. Gut möglich das er wieder in Gleichnissen sprach und er missverstanden wurde, so wie in Matthäus 16:5-12 z.B.[18]. Mal ehrlich: Rom stand am Gipfel seiner Macht. Da hätten zwei Schwerter wohl nicht weit geführt. Und in Johannes 18:36 sagt er: **“Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, daß ich den Juden nicht ausgeliefert würde; nun aber ist mein Reich nicht von hier.“**

Der nächste Einwand der oft kommt, um den Bezug und die Rechtfertigung von Gewalt durch die Häbräsche Bibel herzustellen, ist meist Matthäus 5:17 **“Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen! Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“** Also die Argumentation, die Häbräsche Bibel gelte immer noch und uneingeschränkt. Sehr beliebte Argumentation bei Evangelikalen Christen. Meist mit dem Vorwurf gepaart, als “Gefälligkeits-Christ” oder auch “Namens-Christ” würde man sich aus der Bibel das herauspicken, was einem gerade in den Kram passe. Okay, aber ich habe noch keinen Evangelikalen Christen gesehen, der all die komplizierten Speise- und Opfer-Regeln penibelst befolgt hätte. Da wird dann wieder mit Paulus argumentiert. Zum Beispiel Römer 7:4-6[39]. Ja was denn nun ihr lieben Evangelikalen? Wollt ihr nun die Gesamte Bibel buchstabengetreu befolgen oder selber nur das tun, was ihr anderen vor werft: Das herausnehmen was euch passt?

Ich will mich nicht weiter bei den Evangelikalen aufhalten. Trotzdem muss ich noch ein paar Worte zur häbräschen Bibel verlieren. Ja, die Häbräsche Bibel ist voll mit Mord und Totschlag. Weil sie die Geschichten von Menschen über viele Generationen beschreibt. Entscheidend ist aber, zusehen das hier berichtet wird von Menschen und ihre Begegnungen mit Gott. Die Aussagen müssen im historischen Kontext gesehen werden. Sie gelten nicht absolut, auch wenn das manche so hinstellen. Ohne auf die Diskussion “irrtumslose unveränderliche Bibel” eingehen zu wollen, ist es ganz leicht zu zeigen, das die Bibel und die vermeidlichen oder tatsächlichen Aussagen Gottes, im zeitlichen Kontext zu verstehen sind. Zum Beispiel 2.Sam 7,15+16 **“Aber meine Gnade soll nicht von ihm weichen, wie ich sie von Saul abwandte, den ich vor dir beseitigt habe; sondern dein Haus und dein Königreich sollen ewig vor dir beständig sein; dein Thron soll auf ewig bestehen.“** Nun daraus wurde nichts. Das Königreich steht schon lange nicht mehr. Das mag nicht die Schuld von Gott gewesen sein, zeigt aber das hier Aussagen immer im Bezug zu ihrer Zeit gesehen werden müssen. Hier also vor der Zeit, wo David Mist gebaut hat. Oder ein Anderes Beispiel: 1. Könige 9,3 **“Und der HERR sprach zu ihm: Ich habe dein Gebet und dein Flehen erhört, das du vor mir gebetet hast. Ich habe dieses Haus geheiligt, welches du gebaut hast, daß ich meinen Namen daselbst wohnen lasse ewiglich, und meine Augen und mein Herz sollen daselbst sein allezeit.“** Nun, der Tempel (das “Haus”) steht nicht mehr, ohne jetzt weiter auf das warum abzuschweifen.

Ich könnte noch mehr Beispiele bringen, wo klar wird das die Aussagen immer im historischen und gedanklichen Kontext verstanden werden müssen. Ein Prinzip was sich "Historisch kritische Bibelexegese" nennt und sich weitest gehen durchgesetzt hat [33] (bei aufgeklärten (Christen-)Menschen). Was sich noch nicht durchgesetzt hat, ist eine einheitliche Schlussfolgerung aus der Historisch kritische Bibelexegese. Wenn ich mir zum Beispiel das Ökumenische Bekenntnisse ansehe: **“Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“**[34] muss ich sagen, das es mich verwundert. In den Evangelien ist von einer “Dreifaltigkeit” oder “Dreieinigkeit” überhaupt keine Rede. Das sind Gedanken und Vorstellungen von Paulus. Es müsste also richtigerweiße **“Paulanisches Bekenntnisse"** heißen. Die Häbräsche Bibel ist noch viel umfangreicher (als die Paulusbrefe) und lässt keine Gedanken in diese Richtung erkennen. Man könnte wirklich provokativ fragen, ob der Gott des Paulus der gleiche ist, wie der von Mose und Jesus. Mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis[35] fange ich erst gar nicht an. Das würde einer "historisch kritische Bibelexegese" nicht stand halten.

Ich bin davon überzeugt, Gott wirkt. Und er tut es, egal welches Bild ich mir von ihm mache. Um so weniger Bilder um so besser. Allerdings brauchen wird Bilder um unsere Erfahrungen mit Gott mitzuteilen. "historisch kritische Bibelexegese" mag für Einige entzaubernd wirken und auch den Glauben erschüttern. Aber sie kann uns entkleiden von Bildern, die zwischen Gott und uns stehen. Und lässt uns wieder zu den zentralen Fragen kommen: Gibt es eine Erlösung? Das ist die Fragen aller Fragen. Das ist absolut konkret. Wenn jetzt wieder einer kommt mit Johanns 14:6 "Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“ dann sage ich, das ist erst mal nur eine Floskel. Was soll das heißen "bin der Weg"? Wohl kaum, das man auf Jesus rumlatschen soll? Also ist es ein Gleichnis und wir kommen mit wortwörtlichem Verständnis nicht weiter. Also möchte ich nicht ausschließen, das ein Buddhist auf dem Weg von Jesus ist oder sein kann. Ich bezweifle das mit der Aussage ein Absolutheits-Anspruch vertreten wurde. Die Aussage ist denke ich als Zuspitzung zu verstehen, in dem Sinne, dass das wo für Er steht steht, also sein way of live der weg zur Erlösung darstellt. Und das wo für Jesus steht, ist in vielem, vor allem in dem Wichtigsten, auch beim Buddha zu finden. Und auch hier muss man wieder den historischen Kontext beachten! Wenn in der Bibel "von der Welt" gesprochen wurde, an ist die hellenistische Welt gemeint. Dort sind weder die Inka in Süd-Amerika inbegriffen, noch der Buddha in Indien. Und zu dem: es gibt nur diese eine Stelle, in den vier Evangelien, die man so missverstehen könnte, aber in allen vier Evangelien ist immer und immer wieder die Liebe und Hingabe genannt, als Weg zur Erlösung. Der Absolutheits-Anspruch Jesus ist nicht das Heilsrelevante! Sondern die aufopfernde Bemühung um den Nächsten! Matthäus 25:34-40:

**Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt;ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist, oder durstig und haben dich getränkt? Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt, oder nackt und haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank gesehen, oder im Gefängnis, und sind zu dir gekommen? Und der König wird ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, habt ihr es mir getan!**

Warum erzähle ich das alles? Ich möchte behaupten, das es fundamental wichtig ist, mit dem Koran gleichermaßen umzugehen. Wenn Muslime Angst haben ihren Glauben dabei zu verlieren, wenn sie so mit dem Koran umgingen, dann möchte ich fragen, ob der fromme Glaube einzig der an ein Buch ist? Zugespitzt: Ist euer Gott nur ein Buch? Ich kann mir nicht Vorstellen das die Antwort “Ja” ist. Wenn “Nein”, wo vor habt ihr Angst? Was könntet ihr entdecken? Bestenfalls Gott selbst. Schlimmstenfalls nichts. Auch der Koran wurde erst nach dem Tod Mohammeds Kanonisiert (632 n. Chr.). Suren sind der Länge nach sortiert und nicht Chronologisch. Auch die Texte der Evangelien sind nicht (immer) chronologisch. Es gibt also durchaus einige Anknüpfungspunkte zwischen Christen und Muslime. Damit kommen wir wieder näher an das Ausgangsthema. Wie Können Muslime und Christen mit einander klar kommen? Bei Deutschstemmigen (ob Christen oder Nichtchristen) ist ja - zu mindestens den Medien nach zu urteilen - eine konfuse Angst vor “orientalischer Überfremdung” zu vernehmen. Gemeint ist aber der Islam. Der Orient bzw. “Naher Osten” kann eigentlich nicht fremd sein. Gerade konservative Menschen sagen “Europa sei christlich geprägt”. Nun, Christus und das meist übersetzte Buch der Welt - Die Bibel kommen aus dem Nahen Osten [35]. Das heißt: Ich habe das Gefühl, das wir (Europäer und auch andere) die Bibel in ihrem orientalischen Kontext noch nicht wahrgenommen und verstanden haben. Unser Bild von Jesus wandert immer noch im finsteren Mittelalter des Abendlandes um her.

Also, wie werden wir mit einander leben oder wie wollen wir mit einander leben? Es gibt viele schlechte Beispiele. Zum Beispiel Nord Irland, Sri Lanka, Süd Thailand. Alles Beispiele wo verschiedene Glaubens-Gruppen nicht mit einander leben können. Sie machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Eine Ursache ist - wie ich schon sagte - Angst. Wenn wir gegenseitig voreinander Angst haben, ist es höchste Zeit etwas zu tun. Und in beide Richtungen: Ich muss mir genau ansehen, was mir Angst macht um mich von meiner Angst nicht regieren zu lassen UND ich sollte Dinge unterlassen, mit dem ich den anderen Angst mache. Zum Beispiel das Friedenszeugnis immer wieder zu bekräftigen. So ist das Friedenszeugnis auch entstanden. Die Quäker wollten damit unterstreichen, das bei aller (zum Teil heftiger) Kritik ihrerseits, sie niemals zu Gewalt greifen werden [36]. Viel genutzt hat es ihnen zwar erst mal nicht, aber schlimmer ist es auch nicht geworden.

Oft wird gefragt ob wir auf den Weg in eine “Parallel-Gesellschaft” sind. Ich frag mal: Wenn “Ja”. Was ist daran so schlimm? Vielleicht kann man ja auch in einer “Parallel-Gesellschaft” glücklich werden. Wenn die Lebensräume keine unfreiwilligen Gettos sind, sondern lebendige farbenfrohe Tupfer in einer blühenden Landschaft? Es muss ja nicht jeder nach der selben Fasson selig werden. Aber es werden Probleme kommen, die schon andere vor uns hatten. Der Spracherwerb und das Bildungsniveau könnten unterschiedlich sein. Daraus werden unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen resultieren. Es könnte sein, das die Jobs nur unterhalb einer Gruppe vergeben werden. Wirtschaftlicher Neid oder Angst sind dann fast unausweichlich. Ich will nicht ausschließen das es funktionieren könnte, aber trotzdem müssen sich diese “Parallel-Gesellschaften” in Umgang untereinander auf Regeln einigen. Also was ist, wenn eine muslimische Frau einen christlichen Mann heiraten will, ohne das die beiden ihren Glauben aufgeben wollen, ihre sozialen Verbindungen kappen und ihre Kinder einen Glauben vorschreiben. Ist das möglich? Nicht nur für uns Christen sondern auch für Muslime?

Der andere Weg ist der der Assimilierung. Da stellt sich natürlich als erste Frage: Wer soll hier wen assimilieren? Der Islam vom Christentum? Mir ist kein geschichtliches Beispiel bewusst, bei der eine muslimische Einwanderungsgruppe bei ihrer Assimilation ihren Glauben angepasst oder aufgegeben hat. Im Buddhismus gibt es eine Reihe von Beispielen, an den man sehen kann, wie er sich verändert, wenn er in ein neues Land kommt. Gerade zu beobachten in der s.g. “westlichen Welt”. Hier spricht übrigens kaum jemand von Überfremdung. Da gleicht der Buddhismus dem Quäkertum, da er jegliche Gewalt ablehnt [37]. Und ich glaube deshalb gibt es auch kein Bedrohungsgefühl.

Gut, mal angenommen, die europäischen Grenzen brechen eines Tages zusammen, wie gegen Ende des römischen Reiches, wo die Wandahlen für ihren Ruf sorgten. Hunderttausende, ach was sage ich, Millionen Nord-Afrikaner stürmen Europa. Alles Muslime. Unsere Sozialen Netze brechen in kürzester Zeit zusammen. Was dann? Ich glaube das kann heute niemand sagen. Aber so ist das Leben und so ist die Geschichte. Ich bin gläubig und ich glaube das die Welt nicht zu meinem Vergnügen geschaffen wurde. Ich sehe den Sinn darin, mich Gott würdig zu zeigen. Du glaubst vielleicht nicht an einen oder viele Götter. Vielleicht noch nicht mal an eine Erlösung. vielleicht bist du atheistischer Existenzialist? Über Agnosthiker und Atheisten haben wir auch noch nicht gesprochen. Auch eine Gruppe die sich bedroht fühlt. Ausgehend von dem Satz "Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen lebt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht.“[37] hieße das du - als atheistischer Existenzialist - bist auf der Suche nach dem Grund, den du deinem Leben geben möchtest. Wenn du einige Gründe mal für dich “ausprobierst”, wirst du aber feststellen, das nicht alle Gründe gleich befriedigend sind. Also man kann sich nicht zu allem machen, was man will (die tatsächliche Identifikation vorausgesetzt). Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich sagen: Ich könnte mir nicht vorstellen, jemals zum Islam zu konvertieren. Für viele Muslime gilt das umgekehrt wahrscheinlich auch. UND DOCH… ich glaube es gibt etwas, jenseits aller Form, das uns eint. Wie könnte es sonst sein, das sich Menschen zum Teil in banalsten Dingen so ähneln? Wir ärgern und freuen uns doch fast über die selben Dinge. Als konservativer Quäker würde man das “den inneren Christus” oder “…das von Gott in jedem” umschreiben. Als universalistischer Quäker: “…das Licht in jedem”. Wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, nicht alles zu bekommen, was wir wollen. Aber es ist meine feste Überzeugung, das es keine Erlösung, kein Himmelreich und keine Befreiung gibt, wenn wir uns und das Leben der Anderen zur Hölle machen.

Fußnoten

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