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Wer nach einer spirituellen Fernbeziehung Suche ist, sollte sich das GYM anschauen

Der Artikel stammt aus dem Archiv! Die Formatierung kann beschädigt sein. Am letzten Sonntag (18.3.2012) war ich auf der Jahresversammlung der Münchner Mennoniten. Ich habe eine schriftliche Einladung bekommen, der ich gerne gefolgt bin. Geschichtlich betrachtet ist es nichts Besonderes, dass Mennoniten und Quaker ihre Andachten/Gottesdienste und Geschäftsversammlungen gegenseitig besuchen (siehe hier zu auch den Wikipedia-Artikel "Mennonitisch-Quäkerische Ökumene"). In Deutschland liegt die Sache seit einigen Jahrzehnten etwas anders. Die Beziehungen der beiden Gruppen ist etwas eingeschlafen. Ich vergleiche mein Erleben bei den Mennoniten aber trotzdem mal mit dem bei den Quakern.

In der Einladung lag die Tagesordnung und der Finanzbericht bei, so dass ich in etwa wusste, was auf mich zu kam. Bei den GYM Quaker habe ich noch nicht gesehen, dass sie Finanzberichte an die Einladungen gehängt hätten. Aber möglich das dem so ist. Noch kurz vorweg, die Ausgangslage, die den Vergleich GYM-Quaker und Münchner Mennoniten etwas erschwert : Die GYM-Quaker sind zentralistisch organisiert. Sie haben einen eingetragen Verein, in dem sich alle lokalen Gruppen organisieren. Die lokalen Gruppen haben für ihre eigenen (lokalen) Angelegenheiten eine Monatsversammlung. In der Jahresversammlung der GYM-Quaker werden nur überregionale Dinge beraten. Die Mennoniten hingegen sind dezentral und autonom organisiert. Jede lokale Gruppe hat ihre eigene Organisation. Im Fall der Münchner Mennoniten abgebildet durch einen eigenen Verein. Wenn die Mennoniten von Jahresversammlung sprechen, meinen sie die Hauptversammlung ihres lokalen Vereins und nicht wie die Quaker die Versammlung einer überregionalen Versammlung. Überregionale Verbände haben die Mennoniten zwar auch, aber diese haben aber mehr informellen, denn administrativen Charakter. Somit müsste man also eine Monatsversammlung der GYM-Quaker mit der Jahresversammlung der Mennoniten vergleichen. Dieser Vergleich hinkt aber in sofern, als das die Monatsversammlungen der GYM-Quaker nicht autonom sind. Was in anderen Ländern (Großbritannien, USA, Afrika…) übrigens anders ist. Dort sind Monatsversammlungen der Quaker autonom. Einige sind Monatsversammlungen sind überregionalen Organisationen lose angeschlossen; andere nicht und wieder andere Monatsversammlungen sind wiederum sogar mehreren Organisationen angeschlossen.

Wer sich ein eigenes Bild machen möchte und kein GYM-Quaker ist, wird übrigens Probleme haben. Denn seit einigen Jahren sind die Geschäftsversammlungen (einiger - oder aller ?) - Monatsversammlungen geheim. Zumindestens aus Berlin und München weiß ich, dass Nichtmitglieder von Geschäftsversammlungen ausgeschlossen sind. Absurderweise ist das aber nicht bei der Jahresversammlung der GYMs so. Vermutlich, weil die wichtigen Entscheidungen in den so genannten “Arbeitsausschüssen” behandelt werden. Die Entscheidungswege sind dort alles andere als transparent.

Bei der Jahresversammlung der Mennotiten am Sonntag waren 20 stimmberechtigte Mitglieder versammelt und einige Beobachter - wie ich. Das Altersdurchschnitt war - würde ich sagen - jünger als in den Gottesdiensten. Die in der Einladung stehende Tagesordnung wurde diszipliniert abgearbeitet. Es gab immer mal wieder kritische Anmerkungen und Nachfragen, aber keine sich im Kreis drehenden Dauerdiskussionen. Eine anstehende Personalwahl wurde geheim abgehalten (per Stimmzettel). Wobei es zwei Mitglieder gab, die per Briefwahl teilnahmen. Ich glaube diese Option gibt es bei den GYM-Quakern nicht. Aber da will ich mich nicht festlegen. Die Vereinssatzung - so wie sie mir bekannt ist - sieht das nicht vor (übrigens auch keine geheimen Wahlen).

Über diverse Sachfragen und die Entlastung der Kasse und des Vorstands wurde per Handzeichen abgestimmt. Jedesmal gab es keine Gegenstimmen sondern nur vereinzelte Enthaltungen. Insofern wurde in “Einmütigkeit” entschieden, wie es bei Quaker heißen würde. So wie ich es bei den GYM-Quakern kenne, werden dort Enthaltungen nicht als Hindernis für ein Beschluss gesehen. Wenn man sich mal eine Extremsituation vorstellt, in der - sagen wir mal - 100 stimmberechtigte Mitglieder anwesend sind und es würden 10 Personen für einen Antrag stimmen und 90 würden sich enthalten, dann noch von “Einmütigkeit” zu sprechen ist etwas schräg. Gut, ich habe eine solche Situation noch nicht erlebt und die Situation ist auch sehr unwahrscheinlich. Dennoch sieht man daran, das der Begriff “Einmütig” oder “Konsens” hier nicht so richtig passt.

Allgemein hatte ich den Eindruck, das die Besucher gut informiert und vorbereitet waren. Das kenne ich von Geschäftsversammlungen der GYM-Quaker auch ganz anders. Nicht selten sind irgendwelche Proforma-Mitglieder nach Jahren mal wieder auf einer Monatsversammlung aufgetaucht, die keine Ahnung von der aktuellen Situation der AKTIVEN Gemeinde hatten, und allen Ernstes abstimmen wollten, sollten und durften! Und oft habe ich es erlebt, dass Mitglieder Beschlüsse blockierten, weil Sie sich mit der Materie nicht auskannten und den Antrag überhaupt nicht verstanden, weil sie sich weder die Mühe gemacht haben, sich vorher mit dem Antrag zu beschäftigen, noch geschweige denn eigene Recherchen angestellt hatten. Und was auch nicht selten vorgekommen ist, war dass irgendwelche Profielneurotiker anfingen bei der Beschlussfassung Meta-Diskutieren über Antrags- und Beschlussformulierungen zu führen. Die Personen die genau wussten was Richtig und was Falsch war, waren selten die Personen, die sich im Vorfeld bei der Antragsformulierung einbrachten/beteiligten.

Allerdings war der Prozess der Antragsformulierung beim GYM oft nicht transparent. Die Berliner Versammlung trieb auf die Spitze, indem Sie auf einmal auf die Idee kam, dass nur Vereinsmitglieder Anträge - welcher Art auch immer - stellen durften. Eine breite öffentliche Diskussion über Anträge fand eigentlich nie statt. Wahrscheinlich begründen die GYM-Quaker das damit, dass sie soweit verstreut sind, und deshalb fast alles in “Arbeitsausschüssen” vorbereiten und treuhänderisch entscheiden. In Zeiten moderner Kommunikation über Internet (E-Mail, Foren und Weblogs) lasse ich das aber nicht gelten. Jetzt mögen einige GYM-Quaker einwenden, viele ältere Mitglieder könnten nicht mit dem Internet umgehen. Mag sein, aber viele junge Quaker können es sich wiederum weder zeitlich noch finanziell leisten, kreuz und quer durch die Republik zu “Arbeitsausschüssen” zu reisen! Also werkeln die “Arbeitsausschüssen” de facto ohne jede Kontrolle vor sich hin.

Selbst wenn man den Mennoniten in Rechnung stellen wollte, dass die einen Vorteil hätten, weil sie organisatorisch dezentraler und lokal begrenzt sind: was hält die Quaker davon ab, wieder zurück zu ihren Wurzeln zu gehen und wieder mehr Administration in die lokalen Monatsversammlungen zu verlegen? Richtig! Man müsste sich dazu lokal engagieren und wieder Leben in die Monatsversammlungen bringen. Die meisten haben doch gar keine Monatsversammlung mehr. Von den gerade mal noch ca. 18 Versammlungen treffen sich nur noch die Berliner wöchentlich. Alle Versammlung haben nicht ein mal mehr ein duzend Mitglieder als regelmäßige Besucher!

Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass sich die GYM-Quaker mit der Situation schon eingerichtet haben. Die meisten wollen gar keine Gemeinschaft vor Ort. Vier Mal im Jahr irgend wo hin fahren und für zwei Tage Friede-Freude-Eierkuchen zelebrieren ist doch genau das, was sie wollen. Niemand kennt niemanden wirklich so genau, und will wahrscheinlich auch nicht näher kennen. Für zwei Tage kann dann jeder mal den spielen, der er gerne sein würde. Klar gibt es manchmal auch Dramen und Tränen. Aber wenn man wieder zu Hause ist, ist das wieder ganz weit weg. Dann kann man auch wieder Alkohol trinken, Lotto spielen und mit sich und den Andere nicht ganz so ehrlich sein, weil es ja keiner sieht und man sich nicht rechtfertigen muss. Das erinnert mich alle stark an eine Fernbeziehung. Also wer auf der Suche nach einer spirituellen Fernbeziehung ist, sollte sich auf alle Fälle das GYM anschauen. Das könnte was für ihn sein…

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